Na toll, wie­der kein Platz in der S-Bahn. Wel­che nette Ecke suche ich mir also heute zum Ste­hen aus? Wenn es so voll ist, ver­ste­cke ich mich immer am liebs­ten irgend­wie geschickt hin­ter einem brei­ten Män­ner­rü­cken. Aber heute ist mir nicht danach. Läs­sig, lehne ich mich an eine Glas­scheibe und lass mei­nen Ruck­sack an der Hand her­um­bau­meln. Ohne mich umzu­schauen, weiß ich oft, dass mich viele Bli­cke, wie ein Laser­poin­ter, tref­fen. Kein Pro­blem für mich. Wer mich mit sei­nem Blick trifft, kriegt ein Lächeln zuge­wor­fen.

Im rech­ten Augen­win­kel bemerke ich eine rhyth­mi­sche Bewe­gung und kleine fun­kelnde Augen, die an mei­nem Gesicht hän­gen blei­ben. Oh, was für ein süßes, nuckeln­des Baby! Es hängt in einer Wickel­ta­sche vom Papa. Wenn das Baby ein Opa oder eine Oma wäre, würde ich glatt den­ken, dass diese Per­son mich aus fol­gen­den Grün­den so auf­dring­lich betrach­tet: Aus Mit­leid, aus Anti­pa­thie, um zu pro­vo­zie­ren, aus Feind­se­lig­keit oder aus exhi­bi­tio­nis­ti­schen Inten­tio­nen her­aus.
Aber wel­che Gründe könnte das Baby haben? Wieso guckt die­ses Baby so? Der Papa bemerkte das Ver­hal­ten sei­nes Kin­des und ver­suchte es von mir abzu­len­ken. Aber es drehte sich immer wie­der mit dem Gesicht zu mir um. Ich lächelte und lächelte, aber es reagierte nicht dar­auf. Guckt es so, weil es Muslim-feindlich ist? Sitzt mein Kopf­tuch heute nicht rich­tig? Will das Baby seine Vor­ur­teile anhand mei­ner Per­son bestä­ti­gen? Fragt sich das Baby, ob ich zwangs­ver­hei­ra­tet bin? Stellt es sich vor, wel­che Fri­sur zu mir pas­sen könnte? Ein ras­sis­ti­sches Baby etwa?
Nein, die­ses Baby schaut, weil es die Welt erkun­det. Wenn an mei­ner Stelle eine andere Per­son ste­hen würde, hätte das Baby die­sel­ben mono­to­nen Bli­cke drauf gehabt.
Manch­mal denke ich als Mus­lima, wenn Men­schen einen län­ger als gewöhn­lich betrach­ten, dass dahin­ter ein nega­ti­ver Gedanke ste­cken könnte. Aber auch ältere, klar den­kende Men­schen kön­nen ein­fach nur aus Inter­esse, Begeis­te­rung oder Sym­pa­thie her­aus gucken. Auch im fort­ge­schrit­te­nen Alter kön­nen Men­schen immer noch die Welt für sich erkun­den wol­len. Und ich bin nun mal ein Teil die­ser Welt.

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