Cemile Giou­s­ouf war die erste mus­li­mi­sche CDU-Direktkandidatin für den Bun­des­tag. Mitt­ler­weile ist sie Inte­gra­ti­ons­be­auf­tragte der CDU/CSU-Fraktion im Deut­schen Bun­des­tag und eine der weni­gen mus­li­mi­schen Frauen, die in der Bun­des­po­li­tik mit­mi­schen. Die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin griechisch-türkischer Her­kunft hat JUMA im Inter­view erzählt, warum sie als Mus­li­min in der CDU aktiv ist, wie sie zum Neu­tra­li­täts­ge­bot steht und warum, sie glaubt, dass sich Mus­li­min­nen und Mus­lime stär­ker in der Poli­tik ein­brin­gen soll­ten.

Das Inter­view führte Neval Par­lak

Neval Par­lak: Mus­li­mi­schen Jugend­li­chen wird oft vor­ge­wor­fen, ihre reli­giöse und deut­sche Iden­ti­tät sei nicht ver­ein­bar. Sie sind mus­li­misch und Mit­glied einer christlich-demokratischen Volks­par­tei. Vor dem Hin­ter­grund der stän­di­gen Debatte um das Deutsch­sein, wie geht das für Sie zusam­men?

 

Cemile Giou­s­ouf: Reli­gion misst sich an dem, was die Men­schen dar­aus machen. Auch für mich gilt, dass ein Islam, der sich gegen Demo­kra­tie, Men­schen­rechte, Frei­heit und damit auch gegen unser Grund­ge­setz stellt, mit Deutsch­land nicht ver­ein­bar ist. Lei­der gibt es diese Grup­pen, aber sie sind in der abso­lu­ten Min­der­zahl. Wir reden viel­leicht über ein höchs­tens zwei Pro­zent der Mus­lime in Deutsch­land. Qua­li­ta­tive und auch quan­ti­ta­tive Stu­dien über mus­li­mi­sches Leben in Deutsch­land sind gene­rell rar. Was die große fried­li­che Gruppe von Men­schen über­haupt denkt, fühlt und sich wünscht, wis­sen wir so kon­kret gar nicht.  Aber die Art und Weise, wie die Mehr­heit der Mus­lime hier lebt — näm­lich größ­ten­teils unauf­fäl­lig — und wie sie sich hier ein­brin­gen, zeigt deut­lich, dass Mus­lime das Grund­ge­setz für sich als Wer­te­ver­ständ­nis akzep­tie­ren und nach den Geset­zen die­ses Lan­des leben. Viele sind mit Blick auf ihre Her­kunfts­län­der ja auch dank­bar in Deutsch­land leben zu kön­nen.

Wenn jemand die Regeln des Islam befolgt, entwertet er damit nicht das Grundgesetz

 

Ich glaube auch, dass unge­recht­fer­tig­ter­weise reli­giö­ses Leben also auch das isla­mi­sche Kopf­tuch oder das mus­li­mi­sche Gebet in die nega­tive Ecke gezo­gen wird oder, dass die Reli­gi­ons­pra­xis als anti­west­lich emp­fun­den wird. Wenn jemand die Regeln des Islam befolgt, ent­wer­tet er damit nicht das Grund­ge­setz. Im Gegen­teil, unser Grund­ge­setz schützt auch die Reli­gi­ons­pra­xis. Wir haben aber auf­grund des isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­mus eine Debatte, in der vie­les ver­mengt wird.

In der CDU bin ich, weil reli­giöse Werte für mich ins­ge­samt wich­tig sind. Ich finde es schade, wenn Reli­gion als uncool oder mit­tel­al­ter­lich bewer­tet wer­den. Die gesell­schaft­li­che Stim­mung emp­finde ich oft als are­li­giös. Gerade unter jun­gen Men­schen wür­den wenige frei­wil­lig zuge­ben, dass sie Sonn­tags in die Kir­che gehen, dann ist man meis­tens ein Nerd. Ich finde es schade, dass Reli­gio­si­tät als Wer­te­kom­pass ins­ge­samt nicht mehr eine so große Rolle spielt. Das hat natür­lich mit dem Wer­te­wan­del in der post­in­dus­tri­el­len Gesell­schaft zu tun, eine Ent­wick­lung, die schon seit Jahr­zehn­ten andau­ert. Ein Teil des aktu­el­len Span­nungs­ver­hält­nis­ses, ent­steht eben dadurch, dass es bei Mus­li­men sta­tis­tisch gese­hen eine stär­kere Iden­ti­fi­ka­tion mit Reli­gion gibt als in der Mehr­heits­ge­sell­schaft. Dadurch fin­det über­haupt diese Dis­kus­sion statt, wer modern und wer unmo­dern ist.

Ich per­sön­lich setze mich dafür ein, dass jeder Mensch seine Reli­gion frei leben kön­nen muss, egal ob Christ, Jude, Mus­lim oder anders­gläu­big. Ich finde es auch pro­ble­ma­tisch, wenn man reli­giöse Sym­bole auf dem Arbeits­markt nicht tra­gen darf.

Neval Par­lak: Wür­den Sie dann auch sagen, dass ein Kopf­tuch im Schul­dienst für Sie nicht pro­ble­ma­tisch ist?

Cemile Giou­s­ouf: Also ich per­sön­lich emp­finde das Kopf­tuch nicht als pro­ble­ma­tisch, weil ich glaube, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler sowieso mit der Rea­li­tät auf­wach­sen, in einer mul­ti­re­li­giö­sen Gesell­schaft zu leben. Im Moment ist die Rechts­lage ja so, dass das Kopf­tuch nicht per se ver­bo­ten ist, son­dern nur dann ver­bo­ten wer­den kann, wenn es den Schul­frie­den stört. Das ist eine prak­ti­ka­ble Ver­ein­ba­rung, weil es kein grund­sätz­li­ches Ver­bot ist.

Recht­lich gese­hen ist für mich wich­tig, dass alle Reli­gio­nen gleich­be­han­delt wer­den. Für mich ist ent­schei­dend, dass es nicht zu einer Dis­kri­mi­nie­rung einer Gruppe kommt.

Neval Par­lak: Weil wir uns schon auf der recht­li­chen Dimen­sion auf­hal­ten: Nun hat Ihr Par­tei­kol­lege Jens Spahn vor nicht allzu lan­ger Zeit das Islam­ge­setz wie­der ein­ge­for­dert. Sie beto­nen, dass solch ein Son­der­ge­setz ver­fas­sungs­recht­lich gegen eine Gleich­be­hand­lung der Reli­gio­nen spricht. Kön­nen Sie uns das Islam­ge­setz erklä­ren und warum Sie dazu so ste­hen?

Cemile Giou­s­ouf: Meine Kol­le­gen haben die Idee ent­wi­ckelt, dass ein „Islam­ge­setz“ sinn­voll wäre, um ins­ge­samt zu regu­lie­ren, dass Imame aus dem Aus­land nicht mehr finan­ziert und Finanz­flüße aus dem Aus­land kon­trol­liert wer­den sol­len. Auch ein Moschee­re­gis­ter wün­schen sie sich. Was die Inhalte grund­sätz­lich angeht, sind diese The­men nicht neu — im Gegen­teil. Die CDU war die erste Par­tei, die mit der Islam­kon­fe­renz, mit isla­mi­scher Theo­lo­gie an Hoch­schu­len eben genau die­sem Trend etwas ent­ge­gen­setzt hat.

Wir haben mitt­ler­weile über 2000 Stu­die­rende an Hoch­schu­len, die eine Aus­bil­dung als isla­mi­scher Reli­gi­ons­leh­rer oder eine Ima­maus­bil­dung zumin­dest aka­de­misch absol­vie­ren kön­nen. Das heißt, auf der Grund­lage unse­res Grund­ge­set­zes arbei­tet die CDU dafür. Es waren zwei Bil­dungs­mi­nis­te­rin­nen der CDU, Scha­wan und jetzt Wanka, die sich sehr dafür ein­set­zen, dass wir unsere Imame in Deutsch­land aus­bil­den. Also inhalt­lich ver­stehe ich die­sen Punkt. Ich bin aber ent­schie­den dage­gen, dass es Son­der­ge­setze für bestimmte Reli­gi­ons­grup­pen in die­sem Land gibt.

Das ist ver­fas­sungs­wid­rig und wurde auch so for­mu­liert. Wir müs­sen uns ins­ge­samt tat­säch­lich, auch nach den Spionage-Vorwürfen über die Ditib, Gedan­ken machen, wie die Zukunft des Islam in Deutsch­land aus­se­hen muss und da spielt die Ditib irgendwo eine Rolle. Ich kann den Frust mei­ner Kol­le­gen ver­ste­hen, muss ich ehr­lich sagen. Die Ditib hat lei­der über Jahre eine Hin­hal­te­tak­tik prak­ti­ziert. Lei­der gibt sie ihren eige­nen jun­gen Leu­ten, die in der Lage wären, aus die­sem Ver­ein einen deut­schen mus­li­mi­schen Ver­ein zu ent­wi­ckeln, nicht die Luft zum Arbei­ten. Das heißt, ich bin gegen ein Islam­ge­setz – keine Son­der­ge­setze für Mus­lime, weil unser Reli­gi­ons­ver­fas­sungs­recht uns defi­ni­tiv vor­schreibt, dass wir alle Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten gleich­be­han­deln müs­sen. Gleich­wohl müs­sen wir uns aber Stra­te­gien über­le­gen, wie wir für die Zukunft deutsch-muslimisches Per­so­nal in Deutsch­land aus­bil­den und die Gemein­den müs­sen dann auch diese jun­gen Imame und Ima­min­nen ein­stel­len.

 

Neval Par­lak: Sie haben es schon ange­deu­tet: Seit Jah­ren besteht die Dis­kus­sion um die Aner­ken­nung einer mus­li­mi­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft in Deutsch­land. Die deut­sche Islam­kon­fe­renz sollte ein ers­ter Schritt sein, mus­li­mi­sche Ansprech­part­ner an einen Tisch zu brin­gen. Trotz fort­schritt­li­cher Ent­wick­lun­gen zeigte sich die­ses Über­gangs­for­mat nicht als reprä­sen­ta­tiv für die mus­li­mi­sche Viel­falt. Wo sehen Sie Hand­lungs­po­ten­tial für eine recht­li­che Aner­ken­nung als Reli­gi­ons­ge­mein­schaft?

Cemile Giou­s­ouf: Die recht­li­che Aner­ken­nung ist Län­der­sa­che. Aus der isla­mi­schen Tra­di­tion wis­sen wir, dass wir nicht die Struk­tu­ren haben wie Chris­ten. Die mus­li­mi­sche Com­mu­nity ist ins­ge­samt eth­nisch unter­schied­lich auf­ge­stellt und orga­ni­siert. Ich glaube aber, dass es einen neuen Trend gibt, was die neue mus­li­mi­sche Gene­ra­tion angeht. Da spielt weni­ger die Her­kunft der Eltern eine große Rolle. Die jun­gen mus­li­mi­schen Initia­ti­ven wie Zahn­rä­der oder Juma bewei­sen ja, dass die eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit in den Hin­ter­grund rückt und die Iden­ti­fi­ka­tion über das Mus­lim­sein und das Deutsch­sein ver­läuft. Das zeigt im Übri­gen auch, dass der deut­sche Islam in Deutsch­land ange­kom­men ist.

Ich finde, dass die zukünf­ti­gen Struk­tu­ren ihre Wün­sche und Vor­stel­lun­gen eines Islam in Deutsch­land wider­spie­geln müs­sen. Ich sehe bei den jet­zi­gen Ver­bän­den, dass sie die­sen Ansprü­chen nicht gerecht wer­den. Wenn wir Imame haben, die weder die deut­sche Spra­che spre­chen, noch auf die tat­säch­li­chen Bedürf­nisse der jun­gen Men­schen ein­ge­hen kön­nen. Das ist keine gene­relle Kri­tik. Ich habe immer die wich­tige Arbeit von Ditib und auch ande­ren mus­li­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen hoch­ge­hal­ten. Sie sind sowohl was die Inte­gra­ti­ons­ar­beit angeht aber auch als Reli­gi­ons­stätte ein­fach wich­tig. Men­schen gehen in die Moschee, um zu beten und nicht um inte­griert zu wer­den. Für die Zukunft wün­sche ich mir aber, dass wir Struk­tu­ren ent­wi­ckeln kön­nen, die den Bedürf­nis­sen der jun­gen Gene­ra­tion gerecht wer­den. Da muss idea­ler­weise ein guter Über­gang von der älte­ren Gene­ra­tion in die Hände der jün­ge­ren Gene­ra­tion pas­sie­ren. Und zwar nicht in Kon­fron­ta­tion und im Gegen­ein­an­der, son­dern im Dia­log. Ich würde mir wün­schen, dass die ältere Gene­ra­tion sich jetzt Gedan­ken macht, wie sie auch die Finan­zie­rung der Imame in den Moschee­ge­mein­den bewerk­stel­li­gen will.

Die Aner­ken­nungs­pro­zesse sind nicht des­halb geschei­tert, weil der Staat nicht wollte, son­dern weil die ein­zel­nen Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten oft­mals lei­der die Kri­te­rien nicht erfül­len konn­ten. Auch der Sach­ver­stän­di­gen­rat für Migra­tion hat uns bestä­tigt, dass die Regie­rung eine sehr reli­gi­ons­freund­li­che Poli­tik in den letz­ten Jah­ren gemacht hat, mit mus­li­mi­schem Reli­gi­ons­un­ter­richt, Theo­lo­gie, den run­den Tischen in den ein­zel­nen Bun­des­län­dern. Lei­der wur­den die Kri­te­rien von mus­li­mi­scher Seite nicht erfüllt. Das ist der Grund, warum die mus­li­mi­sche Com­mu­nity kein Geld vom Staat bekommt. Ansons­ten könn­ten wir die Absol­ven­ten an den Uni­ver­si­tä­ten jetzt mit Moscheesteu­ern finan­zie­ren, wir könn­ten Jugend­so­zi­al­ar­bei­ter enga­gie­ren und beschäf­ti­gen. Aber so krebst die mus­li­mi­sche Com­mu­nity immer nur von einem Pro­jekt zum ande­ren oder macht mehr­heit­lich alles ehren­amt­lich. Gleich­zei­tig soll sie alle glo­ba­len Fra­gen lösen. Das ist ein Ungleich­ge­wicht. Da müs­sen die Ver­bände sel­ber tat­säch­lich mit­ar­bei­ten.

Neval Par­lak: Sie haben gesagt, dass die Ver­bände die Kri­te­rien nicht erfüllt haben und die Poli­tik den Rah­men wohl­wol­lend gestal­tet hat. Könn­ten Sie die Kri­te­rien viel­leicht kon­kre­ti­sie­ren?

Cemile Giou­s­ouf: Ja, also bei­spiels­weise müs­sen sie ja eine bestimmte Mit­glie­der­struk­tur auf­wei­sen, sie müs­sen in den Ver­bän­den demo­kra­ti­sche Wah­len durch­füh­ren, um einen Vor­stand zu wäh­len. Sie müs­sen nach­wei­sen, dass sie einen Mit­glie­der­be­stand haben. Sie müs­sen nach­wei­sen, wenn sie heute als Kör­per­schaft aner­kannt wer­den, dass sie in zehn Jah­ren noch eine bestimmte Mit­glie­der­an­zahl haben und damit ein Anrecht bzw. einen Bedarf haben, dass sie als Kör­per­schaft aner­kannt wer­den. Das sind sehr tech­ni­sche Dinge, die immer wie­der zurück­ge­spie­gelt wer­den.

Neval Par­lak: Viele junge Mus­li­min­nen und Mus­lime sind sich dar­über bewusst, dass die Gemein­den ihre eige­nen Inter­es­sen nicht immer abde­cken kön­nen. Oft suchen sie des­halb eine Mög­lich­keit, neben Gemein­de­an­ge­bo­ten ihren Inter­es­sen in der Mehr­heits­ge­sell­schaft auch gruppen- bzw. gesell­schafts­über­grei­fend nach­zu­ge­hen. Gleich­zei­tig bleibt ihnen durch Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen in Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten und auf dem Arbeits­markt Par­ti­zi­pa­tion ver­wehrt. Wie kann die deut­sche Poli­tik Betei­li­gungs­mög­lich­kei­ten für Jugend­li­che schaf­fen?

Wenn muslimische Studierende aufgrund des Kopftuchs Diskriminierungserfahrungen machen, kann ich es menschlich nachvollziehen, dass man keine Kraft hat, so etwas anzuzeigen. Politisch ist das aber verheerend

Cemile Giou­s­ouf: Ich bin für jeden Hin­weis dank­bar, wo sol­che Erfah­run­gen gemacht wer­den. Das ist für uns als Poli­tik wich­tig. Diese Erfah­run­gen müs­sen für uns mess­bar wer­den, damit wir dage­gen arbei­ten kön­nen. Wir haben im Fami­li­en­mi­nis­te­rium eine Bun­des­an­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­stelle, wir haben ein­zelne Initia­ti­ven in Bun­des­län­dern. Lei­der wird davon noch viel zu wenig Gebrauch gemacht. Wenn mus­li­mi­sche Stu­die­rende auf­grund des Kopf­tuchs Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen machen, kann ich es mensch­lich nach­voll­zie­hen, dass man keine Kraft hat, so etwas anzu­zei­gen. Poli­tisch ist das aber ver­hee­rend. Auch viele Angriffe auf Moscheen – von Schmie­re­reien wie Haken­kreu­zen bis hin zu Brand­an­schlä­gen — wer­den gar nicht zur Anzeige gebracht, weil man denkt, das bringt sowieso nichts. In der Sta­tis­tik ist das wich­tig. In der Poli­zei­sta­tis­tik muss so etwas auf­tau­chen und genauso müs­sen diese Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen gerade auch von jun­gen Mus­li­men zur Spra­che gebracht wer­den.

 

Der andere Punkt ist, dass ich mir wün­schen würde, dass man die Mög­lich­kei­ten der poli­ti­schen Par­ti­zi­pa­tion über deut­sche Par­teien stär­ker nutzt. Ich glaube und ver­stehe, dass es für das Empower­ment der jun­gen mus­li­mi­schen Gene­ra­tion wich­tig ist, Eigen­in­itia­ti­ven zu kre­ieren. Ich finde auch die Arbeit und das Enga­ge­ment total inspi­rie­rend. Was Sie da auf die Beine stel­len ist groß­ar­tig. Gleich­zei­tig wün­sche ich mir aber, dass sich mehr junge Mus­lime auch in den poli­ti­schen Par­teien enga­gie­ren unab­hän­gig davon, in wel­cher Par­tei. Die Debatte um den Islam in Deutsch­land wird nicht weni­ger —  sie wird mehr. Wenn Sie wol­len, dass Ihre Bedürf­nisse gehört wer­den und in Poli­tik fließt, dann müs­sen Sie auch dort Ihre Stimme erhe­ben.

Neval Par­lak: Neben Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen haben wir in die­sem Land popu­lis­ti­sche Kräfte, die uns gewisse Hür­den im Leben schaf­fen. Wir wis­sen, dass Deutsch­land sich 2001 öffent­lich zum moder­nen Ein­wan­de­rungs­land erklärt hat. Den­noch gewin­nen die AfD und andere Grup­pen mit popu­lis­ti­schen Res­sen­ti­ments gegen migran­ti­sche Grup­pen noch immer an Zulauf. Wie kön­nen wir kon­kret gegen sol­che pola­ri­sie­ren­den Kräfte vor­ge­hen? Im Hin­blick auf die Bun­des­tags­wah­len: Hat die Union eine Stra­te­gie damit umzu­ge­hen?

Cemile Giou­s­ouf: Wir wis­sen, dass es bei Men­schen, die die AfD wäh­len, häu­fig nicht um die Inhalte geht, son­dern um gefühlte Wahr­hei­ten. Wir mer­ken, dass durch die Flücht­lings­po­li­tik, die gerade auch die Bun­des­kanz­le­rin sehr stark unter­stüt­zend vor­an­ge­trie­ben hat, viele Men­schen ver­un­si­chert waren, dass die­ses Land sich vehe­ment ver­än­dert. Die Zah­len und Fak­ten sagen etwas ganz Ande­res. Wir haben einen Anteil von einem Pro­zent der welt­wei­ten Flücht­linge in die­sem Land auf­ge­nom­men und die Men­schen haben Angst vor Über­frem­dung. Die gefühlte Wahr­heit hat also wenig mit den Fak­ten zu tun.

Was aber viel wich­ti­ger ist als Fak­ten zu beschrei­ben, ist zu erzäh­len, dass für diese Men­schen das Gefühl über­ra­gend ist, dass die poli­ti­sche Elite nicht für sie da ist. Das ist das, was die CDU macht und was jeder Abge­ord­ne­ten­kol­lege und auch ich viel stär­ker macht: Bür­ger­sprech­stun­den, öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen zu ver­schie­de­nen The­men, um den Men­schen das Gefühl zu geben und für Ihre Sor­gen da zu sein. Das ist für mich ent­schei­dend. Nicht­des­to­trotz muss man für mich auch bei der Wahr­heit blei­ben. Es hilft nichts, den Leu­ten etwas vor­zu­gau­keln. Zur Wahr­heit gehört, dass sich unser Land natür­lich ver­än­dert und auch in Zukunft ver­än­dern wird. Dabei spie­len viele Fak­to­ren eine Rolle, die wei­ter­hin hohe Anzahl von Flücht­lin­gen welt­weit, inter­na­tio­nale Kri­sen und Kriege, glo­bale Zusam­men­hänge und natür­lich auch die Ver­än­de­run­gen inner­halb Euro­pas. Wir kön­nen die Gren­zen in Deutsch­land nicht dicht­ma­chen und so tun, als hät­ten wir mit all dem nichts zu tun. Natio­nale Allein­gänge und das Behar­ren auf natio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät sind Irr­wege, die uns nicht wei­ter­brin­gen wer­den.

Neval Par­lak: Mir scheint es immer so, als sei die Flücht­lings­si­tua­tion ein Legi­ti­ma­ti­ons­grund, diese ganze Schein­de­batte „Pas­sen die Mus­lime zu Deutsch­land? Haben wir nicht eigent­lich zu viele von denen?“ wie­der auf­zu­rol­len. Die Frage ist, ob die­ser Dia­log mit sol­chen Men­schen aus­reicht oder ob man nicht auch dar­über auf­klä­ren muss, dass es in die­sem Land Ras­sis­mus gibt und diese Dis­kri­mi­nie­rungs­form auch nicht tole­riert wer­den muss. Brau­chen wir nicht viel stär­kere Auf­klä­rungs­ar­beit, um sol­chen Ten­den­zen ent­ge­gen­zu­wir­ken? Nimmt die CDU sol­che Aus­schluss­me­cha­nis­men in den Blick?

Ich bin nicht dafür, dass man den Dialog mit Hetzern und Hasspredigern wie Höcke sucht. Da glaube ich, nützt kein Dialog. Aber man muss mit den Menschen in den Dialog treten. Das sind die Menschen in unserer Gesellschaft, die sich insgesamt ausgeschlossen fühlen.

Cemile Giou­s­ouf: Das sind Leute, ganz häu­fig auch gut aus­ge­bil­dete Leute, die Angst haben um das, was sie bis­her ver­dient oder an Eigen­tum ange­schafft haben. Da glaube ich schon, dass man ver­su­chen muss, Kon­takt auf­zu­neh­men. Auf der ande­ren Seite muss man Hass und Hetze auch ganz klar beim Namen nen­nen und mit juris­ti­schen Mit­teln dage­gen ange­hen und diese Men­schen ent­spre­chend anzei­gen. Was das Ras­sis­mus­pro­blem angeht: Wir haben eine Debatte bei den Par­teien mit unter­schied­li­chen Hal­tun­gen: „Gibt es in Deutsch­land struk­tu­rel­len Ras­sis­mus oder nicht?“. Da glaube ich, schei­den sich die Geis­ter. Ich per­sön­lich glaube auch nicht, dass es struk­tu­rel­len Ras­sis­mus in Deutsch­land gibt. Das würde ja bedeu­ten, dass Ver­wal­tun­gen, Minis­te­rien und Behörde struk­tu­rell gegen eine bestimmte Gruppe vor­ge­hen. Soweit würde ich in Deutsch­land nicht gehen. Aber ich sage auch, dass Men­schen, die gerade sicht­bar mus­li­misch geklei­det sind, einen ara­bi­schen oder tür­ki­schen Namen haben, es defi­ni­tiv schwie­ri­ger haben unab­hän­gig von ihrem Sta­tus. Ich sel­ber habe mich bei der Woh­nungs­su­che mit mei­nem Namen zurück­ge­hal­ten. Wir haben die­ses Pro­blem und wir brau­chen eine noch offe­nere Debatte über Isla­mo­pho­bie und Islam­feind­lich­keit in der Gesell­schaft. Das gibt es  tat­säch­lich viel zu wenig.

Ich glaube auch, dass Sie eine Gene­ra­tion sind, die gut aus­ge­bil­det ist, die selbst­be­wuss­ter ist, die auch keine Iden­ti­täts­kon­flikte mehr hat wie die zweite Gene­ra­tion. Ich glaube, dass Sie viel kla­rer in Ihrem State­ment sind. Aber Sie sind noch zu leise. Ich glaube, dass es noch viel stär­kere Stim­men von Ihrer Seite geben muss, zu sagen, „das ist unser Teil vom Kuchen und wir haben ein Recht dar­auf!“.

Neval Par­lak: Sie hal­ten eine lang­fris­tige Bil­dungs­för­de­rung für einen wich­ti­gen Bestand­teil einer „geleb­ten Aner­ken­nungs­kul­tur“. Was muss sich Ihrer Mei­nung nach ändern, damit Bil­dung Inte­gra­ti­ons­funk­tion erfüllt? Wel­che Bil­dungs­maß­nah­men strebt die CDU an? 

Cemile Giou­s­ouf: Ich glaube, dass wir mitt­ler­weile ein Ein­wan­de­rungs­land sind. Ich nehme posi­tiv wahr, dass auch inner­halb mei­ner Par­tei nicht mehr dar­über dis­ku­tiert wird. Es ist eine Rea­li­tät. Jetzt geht es darum, wie wir unser Ein­wan­de­rungs­land gestal­ten. Wir haben viele posi­tive Bei­spiele, aber unsere Schu­len sind noch keine Einwanderungsland-Schulen. Wir sehen lei­der sowohl im Geschichts­un­ter­richt als auch im Reli­gi­ons­un­ter­richt, den wir noch nicht umfas­send haben, dass wir auf die gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten noch nicht aus­rei­chend reagiert haben. Die Migra­ti­ons­ge­schichte die­ses Lan­des muss noch viel stär­ker im Schul­un­ter­richt Aner­ken­nung fin­den. Die Bilin­gua­li­tät muss viel stär­ker Aner­ken­nung fin­den, sodass jedes Kind, was in Deutsch­land auf­wächst, und wir haben mitt­ler­weile einen Migra­ti­ons­an­teil von 20 Pro­zent, Aner­ken­nung fin­det.

Wir müs­sen auch stär­ker auf glo­bale Phä­no­mene reagie­ren. Im Kon­text des Ukrai­ne­krie­ges, der übri­gens immer noch andau­ert, haben sich ukrai­ni­sche und rus­si­sche Fami­lien genauso gestrit­ten wie vor kur­zem beim Türkei-Referendum die Anhän­ger und Geg­ner des Refe­ren­dums bzw. der Regie­rung. Das heißt Außen­po­li­tik ist auch immer Innen­po­li­tik, dadurch, dass wir Migran­ten­grup­pen in Deutsch­land haben. Ich glaube, dass die Schu­len dar­auf Ant­wort fin­den müs­sen.

Bil­dungs­po­li­tik ist Län­der­sa­che. Die CDU in NRW hat ein Kon­zept ent­wi­ckelt, wo sie sagt, die Leh­rer müs­sen bes­ser aus­ge­bil­det wer­den. Sie müs­sen geziel­ter für eine inter­kul­tu­relle Schü­ler­schaft stark gemacht wer­den. Was aber enorm wich­tig ist: Lei­der hängt die Schul­bil­dung und der Erfolg der Jugend­li­chen immer noch davon ab, ob die Eltern Aka­de­mi­ker sind oder nicht. Diese Her­kunfts­ab­hän­gig­keit müs­sen wir defi­ni­tiv bekämp­fen. Das kön­nen wir nur machen, indem die indi­vi­du­elle För­de­rung von Schü­le­rin­nen und Schü­lern ins­ge­samt ver­bes­sert wer­den muss: Klei­nere Klas­sen, bes­ser aus­ge­bil­dete Leh­rer, mehr Sozi­al­ar­bei­ter, d.h. ins­ge­samt viel mehr Inves­ti­tio­nen in die Bil­dungs­ar­beit.

Auch an den Hoch­schu­len haben wir immer noch viel zu wenig Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Auch da gibt es ganz wich­ti­gen Nach­bes­se­rungs­be­darf. Da geht es eben um die Durch­läs­sig­keit im Sys­tem: Wer kommt wei­ter? Wer wird geför­dert und wer schafft den Absprung?

Neval Par­lak: Wir haben viele mus­li­mi­sche Jugend­li­che, die sich eine Zukunft in die­sem Land erhof­fen und diese gemein­sam mit­ge­stal­ten möch­ten. Was wür­den Sie ihnen als mus­li­mi­sche Abge­ord­nete auf den Weg geben?

Cemile Giou­s­ouf: Meine Geschichte aber auch viele andere Geschich­ten in die­sem Land zei­gen ja, dass man selbst wenn man aus einer soge­nann­ten Gastarbeiter-Familie kommt, es sehr weit brin­gen kann. Mein Bespiel ist eines von ganz ganz vie­len posi­ti­ven Bei­spie­len. Erst­mal möchte ich mich bei allen bedan­ken, die die­sen enor­men Ein­satz brin­gen, um unsere Gesell­schaft bes­ser zu gestal­ten und auch den jün­ge­ren hel­fen, dass sie es schaf­fen.

Da ist eine ganz große Bereit­schaft da und ich möchte Ihnen sagen, dass das wich­tig ist. Nicht nur für mich per­sön­lich als mus­li­mi­sche Abge­ord­nete, son­dern für unsere Demo­kra­tie und für unsere Gesell­schaft. Ihr Ein­satz ist unbe­zahl­bar. Ich wün­sche mir, dass Sie wei­ter dran­blei­ben. Ich würde mir aber tat­säch­lich auch wün­schen, dass Sie sich viel stär­ker in die poli­ti­sche Arbeit ein­brin­gen. Es ist ent­schei­dend, dass Ihre Bedürf­nisse in die poli­ti­sche Arbeit mit­ein­flie­ßen und nicht in nur mus­li­mi­schen Initia­ti­ven for­mu­liert wer­den. Sie müs­sen die­sen Infor­ma­ti­ons­fluss schaf­fen und da bin ich gerne bereit, die Platt­form dafür anzu­bie­ten. Ich glaube, dass auch viel zu wenig Dia­log gerade mit der jun­gen mus­li­mi­schen nach­wach­sen­den Elite statt­fin­det. Das müs­sen wir auf jeden Fall ver­bes­sern.

Neval Par­lak: Nun ist Juma ein Bei­spiel für so eine mus­li­mi­sche Initia­tive. Warum hal­ten Sie spe­zi­ell Juma für wich­tig?

Cemile Giou­s­ouf: Ich finde es posi­tiv, dass Ihre mus­li­mi­sche Iden­ti­tät das ver­bin­dende Ele­ment ist, sich in unter­schied­li­chen Berei­chen ein­zu­brin­gen. Ich finde es auch gut, dass die eth­ni­sche Her­kunft der Eltern bei Ihnen keine Rolle mehr spielt. Also eigent­lich sind Sie das beste Bei­spiel für Inte­gra­tion. Dass sie sich als deut­sche Mus­lime iden­ti­fi­zie­ren, zeigt ja, dass wir in Deutsch­land ein gutes Sys­tem haben und dass man es hier auch weit­brin­gen kann. Juma ist ein Leucht­turm. Ich kenne nur Ihre Initia­tive in der Form.

 

Neval Par­lak: Vie­len herz­li­chen Dank für das Gespräch!

Cemile Giou­s­ouf: Sehr gerne.

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