Viele junge Mus­lime ken­nen das Gefühl: Ein Blick in die Zei­tung und die Ent­täu­schung ist groß. Wie­der ein­mal wurde nega­tiv über Mus­li­men berich­tet. Die Teil­neh­mer der JUMA-Themengruppe „Medien“ leg­ten das Gefühl der Ohn­macht ab und enga­gier­ten sich.

Die Teil­neh­me­rIn­nen befass­ten sich mit fol­gen­den Fra­gen:
Medi­en­land­schaft: Wie unter­schei­den sie die Medien? Gibt es ver­ge­bene Grund­po­si­tio­nen in der Bericht­erstat­tung über Mus­lime?
Arbeits­weise von Jour­na­lis­ten: Wie infor­mie­ren sich Jour­na­lis­ten? Unter wel­chen Schwie­rig­kei­ten ent­ste­hen Berichte?
Ein­fluss­mög­lich­kei­ten: Wie kön­nen sich junge Mus­lime Jour­na­lis­ten gegen­über effek­tiv ver­hal­ten?

In Gesprächs­runde ana­ly­sier­ten die Teil­neh­mer gemein­sam Berichte von aus­ge­wähl­ten Jour­na­lis­ten. Span­nend wurde es dann im Anschluss, wenn die Teil­neh­mer die Auto­ren tref­fen und ihre Kri­tik äußern kön­nen. Der Besuch einer Redak­ti­ons­kon­fe­renz, wo die Jour­na­lis­ten dar­über dis­ku­tie­ren, wel­che The­men am nächs­ten Tag in der Zei­tung ste­hen, gab einen exklu­si­ver Ein­blick in die Arbeit von Jour­na­lis­ten. Die Teil­neh­mer übten sich in PR-Arbeit und lern­ten, wie sie Pres­se­mit­tei­lun­gen schrei­ben kön­nen, die nicht gleich im Papier­korb lan­den. Sie orga­ni­sier­ten eine Pres­se­kon­fe­renz und mel­de­ten sich bei öffent­li­chen Debat­ten über den Islam in ihrem Blog öffent­lich zu Wort.

Gehol­fen haben den Teil­neh­me­rIn­nen dabei die AG eigene Patin und Mode­ra­to­rin.

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Patin Kübra Gümü­say war Kolum­nis­tin bei der Tages­zei­tung „taz“, schrieb als freie Jour­na­lis­tin für ver­schie­dene Publi­ka­tio­nen und betreibt den Blog www.ein-fremdwoerterbuch.com. Sie stu­dierte Poli­tik­wis­sen­schaf­ten in Ham­burg und hatte zuvor an der School of Ori­en­tal and Afri­can Stu­dies (SOAS) in Lon­don stu­diert. Kübra ist Grün­dungs­mit­glied von „Zahn­rä­der“, einem Netz­werk von enga­gier­ten und akti­ven Mus­li­men in Deutsch­land und heute engen Koope­ra­ti­ons­part­ner von JUMA. Zudem arbei­tet sie als Social Media Bera­te­rin  für Unter­neh­men und Orga­ni­sa­tio­nen, seit Herbst 2013 berät sie die Saïd Busi­ness School der Uni­ver­sity of Oxford im Bereich Social Media, Inno­va­tion und Com­mu­nity Buil­ding. Aktu­ell ist sie außer­dem Bot­schaf­te­rin gegen Ras­sis­mus der Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­stille des Bun­des.

Frage an Kübra: In wel­chen Momen­ten Ihres Lebens haben Sie sich als Teil der Gesell­schaft gefühlt? In wel­chen Momen­ten nicht?

Es gibt nicht die Gesell­schaft. Es gibt aber Gesell­schaf­ten, in denen ich mich akzep­tiert und gleich­wer­tig fühle, und Gesell­schaf­ten, in denen das nicht der Fall ist. Aber: Ich fühle mich immer dann als Teil der media­len Gesamt­ge­sell­schaft, wenn man mit mir über mich auf Augen­höhe spricht, und immer dann als ein Fremd­kör­per, wenn mit Fach­frem­den über mei­nen Kopf hin­weg über mich dis­ku­tiert wird.

Mode­ra­to­rin Niko­letta Schulz hat Publizistik- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten an der FU und Hun­ga­ro­lo­gie an der HU Ber­lin stu­diert. Zur Zeit ist sie Mit­ar­bei­te­rin beim Vio­lence 

Preven­tion Net­work e.V., wo sie sich im Pro­jekt „Maxime Wed­ding“ in der inter­kul­tu­rel­len und inter­re­li­giö­sen Bil­dungs­ar­beit enga­giert. Dane­ben ist sie ehren­amt­lich Moschee­füh­re­rin in Ber­lins größ­ter Moschee in Berlin-Neukölln, der Sehitlik-Moschee, wo sie seit Jah­ren die unter­schied­lichs­ten Grup­pen aus Schu­len und ande­ren Insti­tu­tio­nen über die Lebens­welt von Mus­li­men und ihrer All­tags­pra­xis auf­klärt. Außer­dem ist sie seit vie­len Jah­ren für den Ver­ein Licht­ju­gend aktiv, der 2010 als  “Bot­schaf­ter für Demo­kra­tie und Tole­ranz“ aus­ge­zeich­net wor­den ist.

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AG Medien - Von der bloßen Kritik zum professionellen Umgang

Am 28. April 2011 besuchte die JUMA-Mediengruppe den ZEIT–Jour­na­lis­ten Jörg Lau im Haupt­stadt­büro  in der Doro­the­en­straße. Im Kon­fe­renz­raum der Redak­tion hat­ten wir eine Aus­sicht auf die Reich­tags­kup­pel. Wir nah­men am gro­ßen Kon­fe­renz­tisch Platz, wo uns Herr Lau tür­ki­schen Tee anbot.

Zu Beginn erzählte Herr Lau über sein Leben. Einige von uns konn­ten sich mit sei­ner Lebens­ge­schichte iden­ti­fi­zie­ren, denn er kam aus einer Fami­lie, in der nie­mand ein Gym­na­sium besuchte. Er selbst stammt aus einer Art Flücht­lings­fa­mi­lie, da sein Vater aus der dama­li­gen DDR in die BRD geflo­hen ist. Im Anschluss beka­men wir die Mög­lich­keit, Fra­gen an Herrn Lau zu stel­len:  es began­nen leb­hafte Dis­kus­sio­nen. In einer die­ser Dis­kus­sio­nen, in der es darum ging, wann die Akzep­tanz der Mus­lime, bzw. der Migran­ten mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund voll­zo­gen sein wird, ver­glich Herr Lau die Lage mit den Ost­deut­schen, die nach West­deutsch­land kamen. Wenn die Migran­ten sagen: „Wir blei­ben hier“ und die Ein­hei­mi­schen: „Ihr gehört hier her“, wäre die Akzep­tanz voll­zo­gen.

Auf die Frage, wo der Jour­na­lis­mus in die­sem Pro­zess stehe, ant­wor­tete er damit, dass der Jour­na­lis­mus einen Rück­schritt durch u.a. die Sarrazin- Debatte erhal­ten habe. Zudem ging er auf die Frage ein, was die Auf­gabe eines Jour­na­lis­ten sei.  Sie bestehe nicht darin, nur das Posi­tive dar­zu­stel­len, son­dern auch darin Pro­bleme und  Schwie­rig­kei­ten auf­zu­zei­gen.  Ein guter Jour­na­list benutzt meh­rere Quel­len und ver­sucht objek­tiv zu blei­ben, so Lau. Im Rück­blick lässt sich sagen, dass es sehr inter­es­sant war, Jörg Lau ken­nen zu ler­nen: er war sehr offen und ehr­lich. Sein Fazit die­ses Tref­fens ist, das er sehr posi­tiv über­rascht war und sich gewünscht hätte, dass es sol­che Gesprächs­run­den schon  vor  10 Jah­ren hätte geben sol­len. Nach einem abschlie­ßen­den Grup­pen­foto auf der Dach­ter­rasse, lie­ßen wir Ihn in sei­nen ver­dien­ten Fei­er­abend gehen.

Auto­rin: Yas­min Saf

Am 20. Juni 2011 traf die JUMA-Mediengruppe Dr. Richard Meng, den Pres­se­spre­cher des Regie­ren­den Bür­ger­meis­ters. Beson­ders inter­es­siert ver­folg­ten die Jugend­li­chen die Aus­füh­run­gen Richard Mengs zum Thema Islam bzw. Reli­gion all­ge­mein. Unter ande­rem stellte er fest, dass die Reli­gion eine pri­vate Ent­schei­dung sei, näm­lich ob und wie man an Gott glaube. Was das Aus­üben der Reli­gion angeht, gäbe es aller­dings noch genü­gend „Gest­rige“ und Radi­kale, gegen die man sich weh­ren müsse. Alle, dabei sprach er auch die TN an, ins­be­son­dere die vier jun­gen Damen, von denen alle ein Kopf­tuch tra­gen, soll­ten die Mög­lich­keit haben, sich zu betei­li­gen mit glei­chen Chan­cen und Mög­lich­kei­ten, wie alle ande­ren auch. Die Poli­tik könne dafür Wege öff­nen, indem sie sage: „Sie alle gehö­ren dazu!“ Wie man diese Hal­tung nach außen prä­sen­tie­ren könne, sei wich­tig.

Wich­tig sei aber auch, dass man (als Muslim/Migrant) die deut­schen Tra­di­tio­nen kenne und respek­tiere. Diese Fest­stel­lung führte zum Nach­ha­ken sei­tens einer deutsch-arabischen Teil­neh­me­rin, was Herr Meng unter deut­schen Tra­di­tio­nen ver­ste­hen würde, ob es das Schüt­zen­fest, das Okto­ber­fest oder etwa Weih­nach­ten sei. Selbst­ver­ständ­lich müsse man diese nicht prak­ti­zie­ren, stellte Herr Meng schmun­zelnd fest, aber zumin­dest sollte man wis­sen wol­len, was das ist. Er selbst sei zwar reli­gi­ons­los, da er sich von der Kir­che dis­tan­ziert habe, aber kei­nes­falls wer­te­los. Man dürfe sich gegen­sei­tig nicht ver­ach­ten, unab­hän­gig von unter­schied­li­cher Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit oder dif­fe­rie­ren­den Wert­vor­stel­lun­gen. Wie zwei Teil­neh­me­rin­nen aber fest­stell­ten, seien die Wert­vor­stel­lun­gen gar nicht so unter­schied­lich, da man zum größ­ten Teil an die­sel­ben Pro­phe­ten glaube.

Die Frage nach gemein­sa­men Wer­ten und Tra­di­tio­nen ließ uns auch im wei­te­ren Ver­lauf nicht los. So wurde die span­nende Frage dis­ku­tiert, was denn „typisch deutsch“ sei. Nach dem II. Welt­krieg sei diese Frage unter­ge­gan­gen, stellt Herr Meng fest. Die­ses Land habe viele Brü­che erlebt, Mil­lio­nen von Men­schen seien ermor­det wor­den. Wir hät­ten die Ver­ant­wor­tung, es bes­ser zu machen und das bedeute auch, offen zu sein. Die gemein­same „Iden­ti­tät“ fehle manch­mal in der deut­schen Gesell­schaft. Die Deut­schen woll­ten nicht Deut­sche sein, son­dern Euro­päer. Die Migran­ten auf der ande­ren Seite, seien stolz Deut­sche zu sein, sobald sie die deut­sche Staats­bür­ger­schaft annäh­men. Dies war auch eine Erfah­rung der Grund­satz­re­fe­ren­tin beim Innen­se­nat Saw­san Chebli, wie sie uns berich­tete. „Ihr sollt die Spra­che ler­nen, aber so sein, wie ihr wollt!“ sei der Auf­ruf an die Migran­ten, so Meng.

Dies führte uns dann aber auch zu kon­flikt­rei­che­ren The­men, wie das „Pro­blem“ von jun­gen Mus­li­men mit Homo­se­xu­el­len, dem aller­dings eine Teil­neh­me­rin ein span­nen­des Pro­jekt an ihrer Schule ent­ge­gen­set­zen konnte, oder auch der Pro­ble­ma­tik, wo sich die Gren­zen von Kunst- und Pres­se­frei­heit befän­den, wie sich dies bei der Dis­kus­sion um die Auf­füh­rung der Oper Idome­neo oder dem Kar­ri­ka­tu­ren­streit zeigte — The­men, bei denen sich auch die anwe­sen­den männ­li­chen Teil­neh­mer akti­ver betei­lig­ten. In Deutsch­land sei man da sehr libe­ral und ver­füge über ein brei­tes Ver­ständ­nis von Kunst­frei­heit, setzte Herr Meng dem ent­ge­gen. Reli­gion könne nicht alleine dar­über ent­schei­den, was belei­di­gend sei.
Seit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus habe sich in Deutsch­land eine Dis­tanz zur Reli­gion ent­wi­ckelt, ebenso zum Natio­na­lis­mus, was quasi auch eine Art Reli­gion sei. So könne sich Herr Meng nicht vor­stel­len anläss­lich der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft eine deut­sche Fahne an sei­nem Wagen zur Schau zu tra­gen im Gegen­satz zum Bei­spiel zu sei­nen Kin­dern, die einer neuen Gene­ra­tion ange­hör­ten, die unbe­fan­gen sind von der deut­schen Geschichte. Auch die Teil­neh­mer berich­te­ten dar­auf­hin, bei ihren Leh­rern auf Unver­ständ­nis gesto­ßen zu haben, als sie anläss­lich der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft mit der deut­schen Flagge auf ihre Gesich­ter gemalt durch die Stadt schlen­der­ten. Eine paläs­ti­nen­si­sche Teil­neh­me­rin erzählte, dass sie eher die deut­sche als die Hymne ihrer ehe­ma­li­gen Hei­mat beherr­sche. Als einen opti­mis­ti­schen Aus­blick in die Zukunft stellte Herr Meng in den Raum, dass es womög­lich ein­mal mög­lich sein werde, dass die israe­li­sche und die paläs­ti­nen­si­sche Hymne gleich­zei­tig gespielt wer­den kann.

Unter ande­rem inter­es­sier­ten sich die Jugend­li­chen dann auch für einen typi­schen Tages­ab­lauf von Herrn Meng, über den er mit Freu­den und im Detail berich­tete. Mehr noch waren aber die Teil­neh­mer erpicht dar­auf zu erfah­ren, wie Herr Meng zum Thema Kopf­tuch und der Mög­lich­keit mit die­ser Art Beklei­dung eine Kar­riere anzu­stre­ben, stehe. Dies ver­an­lasste Herrn Meng, erst ein­mal ein Plä­doyer zur erfolgs­ver­spre­chen­den Kar­rie­re­pla­nung zu hal­ten. Ganz beson­ders wich­tig sei es, dabei nicht zu fest­ge­fah­ren vor­zu­ge­hen. Er rief die Jugend­li­chen dazu auf, das zu machen, wor­auf sie Lust hät­ten, damit wür­den sie den meis­ten Erfolg erlan­gen. Das Kopf­tuchthema dage­gen könne er nicht beur­tei­len. In der Gesell­schaft werde das Kopf­tuch aller­dings als Zei­chen der Abgren­zung wahr­ge­nom­men. Es sei hier fremd, zumin­dest für seine Gene­ra­tion und setze ein bestimm­tes Signal an die Gesell­schaft. Eine Teil­neh­me­rin setzte dem ent­ge­gen, dass sie Abitur mache, spä­ter auch stu­die­ren wolle und damit aus ihrer Sicht doch ein Schritt auf die Gesell­schaft zu mache. Wie Frau Chebli hin­zu­fügte, kann die deut­sche Gesell­schaft auf diese qua­li­fi­zier­ten Frauen gar nicht ver­zich­ten. Dem stimmte Herr Meng zu, dies ändere aller­dings nichts daran, dass in der Gesell­schaft bestimmte Vor­be­halte bestün­den und das Kopf­tuch als kon­ser­va­tiv und der Libe­ra­li­tät wider­spre­chend ange­se­hen wird. Dies konnte ein Teil­neh­mer aus eige­ner Erfah­rung bestä­ti­gen, denn ein Kol­lege aus sei­ner Poli­zei­saus­bil­dung, bestand in einer Dis­kus­sion dar­auf, dass eine Frau mit Kopf­tuch nie inte­griert sein werde. Hier musste Herr Meng wider­spre­chen. Inte­gra­tion und Assi­mi­la­tion werde in der Gesell­schaft oft­mals ver­wech­selt oder ver­mischt.

Die JUMA-Teilnehmer haben bei Herrn Meng einen gro­ßen Ein­druck hin­ter­las­sen, wie er in sei­nem Fazit fest­stellte: „Die­ses Gespräch war für mich eine Über­ra­schung, weil Sie rich­tig Power haben und man merkt, dass sie was errei­chen wol­len. Machen Sie wei­ter so!“

Fol­gen­der Arti­kel erschien am 05.03.2013 in der online-Ausgabe der Freien Presse:

Mäd­chen mit Kopf­tuch geschla­gen und belei­digt  Berlin/Dresden (dpa/sn) — Ein 15-jähriges Mäd­chen mit Kopf­tuch ist am Mon­tag­mor­gen in der Süd­vor­stadt in Dres­den von einem Unbe­kann­ten belei­digt und geschla­gen wor­den. Wie die Poli­zei am Diens­tag mit­teilte, war das Mäd­chen auf dem Weg zur Schule, als sie an der Bern­hardt­straße von einem jun­gen Mann beläs­tigt wurde. Er ver­suchte, ihr das Kopf­tuch her­un­ter­zu­rei­ßen und beschimpfte sie mit islam­kri­ti­schen Paro­len. Dabei schlug er dem Mäd­chen laut Poli­zei auch ins Gesicht. Hier geht es zum kom­plet­ten Arti­kel

Zu dem Arti­kel hat Betül Ulu­soy fol­gen­den Kom­men­tar geschrie­ben:

Ich kann mich noch daran erin­nern, als sei es ges­tern gewe­sen. Ich spüre die Ver­zweif­lung und die Wut wie­der in mir auf bro­deln, wenn ich an jenen Tag letz­tes Jahr im August zurück­denke, an dem Rab­bi­ner Alter auf Grund sei­ner Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit auf offe­ner Straße ange­grif­fen wurde. An die­sem Tag ver­ar­bei­tete ich einen Teil mei­ner Gefühle in einem Bericht, der in Aus­zü­gen auch im Tages­spie­gel ver­öf­fent­licht wurde.

Heute sitze ich wie­der da – Vol­ler Wut und Ver­zweif­lung. Denn wie­der hat es einen Angriff gege­ben. Wie­der geht es um die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, um Frem­den­hass, um Ras­sis­mus. Dies­mal nur trug das Opfer keine Kippa, son­dern ein Kopf­tuch. Das Opfer, ein 15-Jähriges Mäd­chen auf dem Weg zur Schule, ange­grif­fen, beschimpft, geschla­gen ins Gesicht, bis die Nase blu­tete.

Damit reiht sich das junge Mäd­chen – post NSU und Marwa El-Sherbini – in eine ganze Serie ras­sis­ti­scher Über­griffe in Deutsch­land auf Men­schen, die „anders“ sind, ein und ist, so zynisch das klingt, im Ver­gleich noch mit einem Blauen Auge davon gekom­men.

Das ist unsere Schuld. Meine, deine, Ihre.

Solange in Deutsch­land noch immer sol­che Taten gesche­hen und wir Nachts den­noch see­len­ru­hig schla­fen kön­nen, wird sich in die­sem Land auch nichts ändern. Es ist in unse­rer Ver­ant­wor­tung, bei jeder ein­zel­nen die­ser Taten auf­zu­ste­hen, uns zu empö­ren, Soli­da­ri­tät zu zei­gen, den Opfern bei­zu­ste­hen, die Täter aufs schärfste zu ver­ur­tei­len. Die­ses Land muss beben nach jedem ras­sis­ti­schen Über­fall – Solange, bis wir Nachts tat­säch­lich wie­der ruhig schla­fen dür­fen.

 

 

Bericht einer Teil­neh­me­rin:
„Für einen Moment war es still, als wir, die 25 Teil­neh­mer des JUMA-Projekts und der Spiegel-Redakteur Yas­sin Mushar­bash, uns am 20.Mai an den gro­ßen Kon­fe­renz­tisch im Innen­se­nat setz­ten.

Aber es war nur ein Moment. Denn nach einem ein­lei­ten­den Will­kom­men und einer kur­zen Vor­stel­lung des Redak­teurs über­schlu­gen sich unsere Fra­gen. Fra­gen, die den Terror-Experten per­sön­lich betra­fen, aber vor allem sol­che, die sich um die Rolle der Medien, deren Ver­ant­wor­tung und Mit­tel dreh­ten. Wie vor­sich­tig wer­den Begriffe wie Isla­mist und Dschi­ha­dist ein­ge­setzt? Wie geht ein Jour­na­list bei der Arbeit vor? Mit viel Witz und span­nen­den Bei­spie­len ging Yas­sin Mushar­bash auf unsere Fra­gen ein und gab uns inter­es­sante Ein­bli­cke in die Welt der Presse. Selbst die här­tes­ten SPIEGEL-Kritiker unter uns muss­ten fest­stel­len, dass ihre Vor­stel­lun­gen davon, wie Medien funk­tio­nie­ren schein­bar nicht immer mit der Rea­li­tät über­ein­stim­men. Sie kön­nen auch ganz sym­pa­thisch wir­ken, vor allem dann, wenn sie viel Wert auf dif­fe­ren­zierte Bericht­erstat­tung legen.

In den zwei Stun­den gin­gen wir auf aus­ge­wählte Arti­kel des Repor­ters ein, hat­ten aber an den Tex­ten zu Minarett- oder Bur­ka­ver­bot kaum etwas zu bemän­geln. So gerie­ten wir immer wie­der schnell in andere The­men­fel­der und spra­chen über „Wald-und-Wiesen-Muslime“, über Wahr­heit, Wahr­haf­tig­keit und natür­lich Inte­gra­tion. „Das Kopf­tuch ist über­haupt kein Inte­gra­ti­ons­hemm­nis“, machte Yas­sin Mushar­bash dabei klar und betonte, dass er als Sohn eines jor­da­nisch­stäm­mi­gen Vaters durch­aus Gemein­sam­kei­ten mit den Mus­li­men nicht­deut­scher Her­kunft hat, auch wenn er selbst kein Mus­lim ist. Er rät den Mus­li­men, sich nicht aus der Ruhe brin­gen zu las­sen und trotz Isla­mis­mus, Ter­ro­ris­mus und co. ihren Glau­ben als unan­tast­ba­ren Teil ihrer Iden­ti­tät zu wah­ren.

Schließ­lich ver­ging die Zeit so schnell, dass wir etwas ent­täuscht waren, als einige Fra­gen aus Zeit­grün­den offen blei­ben muss­ten. Aber viel­leicht kön­nen wir auf ein erneu­tes Tref­fen hof­fen. Auf alle Fälle haben wir viel mit­neh­men kön­nen. Und viel­leicht hat auch Yas­sin Mushar­bash etwas gewon­nen; neue Leser – und zwar kri­ti­sche.“

Anschei­nend hat auch Yas­sin Mushar­bash das Gespräch mit den Jugend­li­chen gefal­len. Er meinte im Anschluss:
“Das Tref­fen war fas­zi­nie­rend, schon weil die Dis­kus­sion so offen, ehr­lich und enga­giert war. Ein Pro­jekt, dem es gelingt, junge Men­schen — egal wel­chen Hin­ter­grunds — mit sol­chen Per­so­nen zusam­men zu brin­gen, mit denen sie aus­führ­lich über ihre Anlie­gen spre­chen kön­nen, ist ein gutes Pro­jekt.”

 

Wie ein Schlag traf einen diese Nach­richt, „Explo­sion im nor­we­gi­schem Regie­rungs­vier­tel“. Zu die­sem Zeit­punkt hat noch kei­ner abse­hen kön­nen, wel­che Nach­wir­kun­gen, Emo­tio­nen und Fra­gen diese Schlag­zeile mit sich tra­gen wird. Sofort habe ich an 9/11 gedacht und fühlte genau, das­selbe wie vor 10 Jah­ren. Viel­leicht fra­gen wir uns in einer Dekade, die­selbe Frage wie bei 9/11 und zwar: wo warst du als es pas­sierte?

Lei­der war das nicht die ein­zige schlechte Nach­richt, bin­nen weni­ger Minu­ten erreichte uns eine schreck­li­chere Mel­dung, was sich kaum jemand vor­stel­len ver­mag. Auf der klei­nen nor­we­gi­schen Insel Utøya eröff­nete ein Mann in Poli­zei­uni­form das Feuer, auf Jugend­li­che, die gerade an einem Jugend­la­ger teil­nah­men.  Das trau­rige Ergeb­nis die­ses Dop­pel­an­schlags sind 76 Men­schen, die ihr Leben gelas­sen haben.

Neben den Emo­tio­nen, wel­che ich als klei­ner Junge am 11.09.2001 fühlte, hatte sich nach dem Lesen die­ser Nach­rich­ten ein Gefühl der Leere in mir breit gemacht. Sofort schos­sen mir viele Fra­gen durch den Kopf. Kann das sein? Wer ist die­ser Mensch? Und die Frage, die uns alle beschäf­tigt, wieso?

Wie auch bei 9/11 war der Täter extrem in sei­ner Ein­stel­lung. Er stellte sich als Templer(chr. Rit­ter­or­den, der wäh­rend den Kreuz­krie­gen aktiv war) dar, sah sich als Revo­lu­tio­när, jemand der Europa vor der dro­hen­den Isla­mi­sie­rung ret­ten muss. Seine Gegen­spie­ler konnte Anders Beh­ring Brei­vik, der Atten­tä­ter, auch benen­nen. Es sind, nach sei­ner Ansicht, Men­schen mit lin­ker poli­ti­scher Hal­tung.  Mein Gedanke bei die­sen Moti­ven war, wie­der einer der die Reli­gion als Vor­wand nutzt, um andere Men­schen zu ver­let­zen bzw. zu töten.  Egal wie Gewalt moti­viert ist, ob links, rechts oder theo­lo­gisch, nie­mals kann es für mich einen Grund geben, um sol­che inhu­ma­nen Unter­neh­mun­gen zu recht­fer­ti­gen.

Es kommt einer Ver­höh­nung der Ange­hö­ri­gen und der Werte in der west­li­chen Zivi­li­sa­tion gleich, wenn der Täter der Mei­nung ist, er habe „nichts Straf­ba­res“ getan.  Bei sol­chen Aus­sa­gen emp­finde ich auf der einen Seite Trauer und auf der ande­ren Seite tiefste Ver­ach­tung. Die Trauer kommt dadurch zustande, dass der Täter, der als christ­li­cher Fun­da­men­ta­list gilt, den Sinn sei­ner Reli­gion nicht ver­stan­den hat. Liebe dei­nen Nächs­ten und du sollst nicht töten, zei­gen doch auf, dass das Chris­ten­tum nicht für sol­che Atten­tate miss­braucht wer­den kann.

Auch wenn es dop­pel­zün­gig wäre hier von Ver­ach­tung zu spre­chen, so kann ich nicht ver­heh­len, dass ich für die­sen Mann vor­wie­gend Ver­ach­tung emp­finde.  Obwohl ihm dar­ge­legt wird, was er ver­bro­chen hat, denkt er, er habe rich­tig gehan­delt. Der Täter gibt vor der Jus­tiz zu, dass er diese abscheu­li­che Tat aus Hass­grün­den began­gen hat, den­noch zeigt er keine Reue. Dies lässt ihn für mich ver­ach­tungs­wür­dig erschei­nen.

Aller­dings hat Hass erst zu die­ser Tat geführt, des­we­gen soll­ten wir alle dar­über nach­den­ken, wie wir unse­ren Mit­men­schen ent­ge­gen tre­ten und ob wir hier und dort nicht doch etwas tole­ran­ter sein könn­ten.

Im wei­te­ren Ver­lauf der Bericht­erstat­tung wurde erwähnt, dass Anwoh­ner und Urlau­ber, die auf der Insel waren, den Jugend­li­chen zu Hilfe geeilt sind. Für mich ist diese kleine Rand­in­for­ma­tion von größ­ter Wich­tig­keit. Denn hier kön­nen wir erken­nen, dass in jedem von uns noch etwas Mensch­li­ches steckt und die Welt nicht nur aus den Anschlä­gen in New York, Lon­don, Madrid oder auch in Oslo besteht.

In mei­nem Schluss­wort will ich noch ein­mal allen Ange­hö­ri­gen der Opfer mein Bei­leid  aus­spre­chen. Es ist immer schwer jeman­den zu ver­lie­ren, den­noch sollte man sich nie die Lebens­lust von Extre­mis­ten neh­men las­sen. Das kann nicht im Sinne der Opfer sein. Wir soll­ten nun zusam­men Stärke zei­gen und bewei­sen, dass  Fun­da­men­ta­lis­ten uns nicht ein­schüch­tern kön­nen.