Die Atten­ta­te in Paris gehen auch an den JUMA Teil­neh­mern nicht spur­los vor­bei. Auch sie dis­ku­tie­ren inten­siv über den Ter­ror, sei­ne Ursa­chen und Fol­gen. Des­we­gen haben wir Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer des JUMA Pro­jekts gefragt: Wie nimmst du die Anschlä­ge in Paris wahr? Was macht das mit dir? Wel­che Fol­gen siehst du? Was wünscht du dir von Gesell­schaft, Medi­en und Poli­tik?

Eini­ge Stel­lung­nah­men von JUMA Teil­neh­mern fin­den Sie hier. Es sind sehr per­sön­li­che, indi­vi­du­el­le Äuße­run­gen, die kei­ne Reprä­sen­ta­ti­vi­tät bean­spru­chen.

Erschüt­te­rung, Trau­er, Abscheu vor den Taten der Ter­ro­ris­ten und Mit­leid mit den Opfern sind in vie­len Stel­lung­nah­men zen­tral. Immer wie­der beto­nen die Jugend­li­chen, dass Ter­ro­ris­mus nie­mals aus dem Islam her­aus begrün­det wer­den kann. Für sie ist klar: das ist nicht ihre Reli­gi­on, auf die sich die Atten­tä­ter bezie­hen. Und daher fra­gen sich auch man­che, was habe ich damit zu tun? Aber auch Kri­tik wird geäu­ßert, ob nicht das Leben jedes Men­schen gleich viel Wert ist. Wie­so wird dann aber über fast zeit­glei­che und noch weit ver­hee­ren­de­re Atten­ta­te in ande­ren Län­dern nicht auch aus­führ­lich berich­tet? Die Rol­le der Medi­en wird kri­tisch reflek­tiert und es wer­den auch ers­te Fra­gen nach den Ursa­chen gestellt. Auch wird der Wunsch nach mehr Kon­takt und Aus­tausch zwi­schen Mus­li­men und Nicht‐Muslimen geäu­ßert, um so zusam­men für gemein­sa­me Wer­te ein­tre­ten zu kön­nen — um den Hass kei­ne Chan­ce zu geben:

 

Die Anschlä­ge in Paris scho­ckie­ren und erschüt­tern mich natür­lich wie fast jeden ande­ren. Sie zei­gen mir, was für schreck­li­che Aus­ma­ße und Fol­gen eine Radi­ka­li­sie­rung von Men­schen jeg­li­cher Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit oder mit jeg­li­cher Ideo­lo­gie haben kann. Was mich trau­rig macht ist, dass die­se Atten­tä­ter wie auch vie­le ande­re die­se Taten als ”vom Islam gewollt” dekla­rie­ren und begrün­den, was mei­ner Mei­nung nach nichts mit dem Islam zutun hat. Die­se Atten­ta­te sehe ich für unse­re Gesell­schaft und Poli­ti­ker als War­nung und Zei­chen dafür, dass sich etwas ändern muss.
Die Atten­ta­te lösen vie­le Gefüh­le in mir aus. Wut, Trau­er, Unver­ständ­nis und alles auf ein­mal. Wütend auf die Atten­tä­ter, die die­se Atten­ta­te als ”isla­misch” bezeich­nen und sie damit begrün­den. Trau­er, weil vie­le in der Gesell­schaft ein schlech­tes Bild vom Islam bekom­men und sich Angst in ihr ent­wi­ckelt, was oft dazu führt, dass vie­le Mus­li­me in einen Topf gewor­fen wer­den und natür­lich Trau­er um die Opfer. Und Unver­ständ­nis, weil ich die Trau­er um die Opfer zwar voll­kom­men ver­ste­hen kann, jedoch kein Ver­ständ­nis dafür habe, dass eine noch viel grö­ße­re Zahl von Men­schen in ande­ren Län­dern durch Radi­ka­le oder Dik­ta­to­ren stirbt, jedoch in der Gesell­schaft und in den Medi­en kaum ein The­ma ist. Auch wenn es extrem klingt: Mir scheint es so, als sei­en die Leben der Opfer in Syri­en, Nige­ria (vor eini­gen Tagen star­ben ca. 2000 Men­schen in Nige­ria auf Grund eines Bran­des ver­ur­sacht durch Boko Haram) und ande­ren Län­dern weni­ger der Auf­merk­sam­keit und Trau­er wert als die der fran­zö­si­schen Opfer in Paris.
Ich wün­sche mir von der Gesell­schaft, dass es zu einem viel inten­si­ve­ren Aus­tausch und Kon­takt zwi­schen Mus­li­men und Nicht­mus­li­men kommt, um zu zei­gen, dass das, was in Paris geschah, nichts mit dem wah­ren Islam, sei­ner Bot­schaft und sei­nen Glau­bens­an­hän­gern zu tun hat. Bei­de Sei­ten soll­ten mehr auf­ein­an­der ein­ge­hen und sich bes­ser ken­nen ler­nen. Nicht die Medi­en, son­dern die Mus­li­me soll­ten der west­li­chen Gesell­schaft zei­gen, was der Islam ist. Und nur sie (die Mus­li­me) sind auch in der Lage dazu. Denn zur Zeit besteht bei vie­len Nicht­mus­li­men Angst und Ableh­nung des Islams, sowie ein fal­sches Bild, da in den Medi­en meist nur nega­ti­ve Schlag­zei­len die Run­de machen. Auch wün­sche ich mir von Nicht­mus­li­men, sich über den Islam anhand von seriö­sen Quel­len selbst zu infor­mie­ren, um her­aus­zu­fin­den was er wirk­lich ist.
Der Wunsch an die Medi­en ist, dass sie nicht nur über­wie­gend nega­ti­ve Berich­te über Mus­li­me und die, die sich als sol­che aus­ge­bens her­aus­ge­ben, son­dern auch Posi­ti­ves über Mus­li­me berich­ten. Über Mus­li­me, die sich in unse­rer Gesell­schaft enga­gie­ren und inte­grie­ren, über Mus­li­me, die fried­lich leben und ihre Reli­gi­on aus­le­ben, damit nicht nur ein nega­ti­ves Bild in der von Medi­en beein­fluss­ten Gesell­schaft ent­steht. Auch wün­sche ich mir von den Medi­en, die Atten­ta­te von Paris und über­haupt radi­ka­ler ”Mus­li­me” und ihre Taten nicht mit dem Islam gleich­zu­set­zen. Was ich mir auch wün­sche, Opfern aus Syri­en, Paläs­ti­na, Nige­ria oder sei es wo anders die­sel­be ange­mes­se­ne Auf­merk­sam­keit wie den Opfern von Paris zu schen­ken.
Wie schon oben erwähnt, sehe ich die­se Atten­ta­te als War­nung und Signal an Gesell­schaft und Poli­tik. Extre­mis­ten wie die bei­den Atten­tä­ter von Paris sind meist Men­schen, die am Ran­de der Gesell­schaft leben, kaum die Chan­ce haben, sich zu inte­grie­ren und Fuß in der Gesell­schaft zu fas­sen und oft aus ärm­li­chen Fami­li­en kom­men. Sei­en es Rechts­ex­tre­mis­ten in Deutsch­land oder radi­ka­le Isla­mis­ten. Aus Ver­zweif­lung fin­den sie dann oft in radi­ka­len Grup­pen Halt und Aner­ken­nung. Die Poli­tik und die Gesell­schaft soll­ten dar­an arbei­ten, mehr auf sol­che Gesell­schafts­grup­pen ein­zu­ge­hen, und ihnen die glei­chen Chan­cen geben wie ande­ren und sie nicht ableh­nen, bevor es zu spät ist.”
Mid­jan

Die blu­ti­gen Ereig­nis­se auf der Welt sind mehr als trau­rig. Ich möch­te auf­schrei­en #Nicht­In­Mei­nem­Na­men, doch dann fra­ge ich mich: Was kann ich dafür? Was kön­nen Mus­li­me dafür? DENN: Ein Mus­lim kann kein Ter­ro­rist sein & Ein Ter­ro­rist kann kein Mus­lim sein!
Shi­ma

Ein Angriff auf die Mensch­lich­keit — eine Stel­lung­nah­me aus mus­li­mi­scher Sicht
“In schwarz gehüllt, mit siche­ren Bewe­gun­gen, ohne jeg­li­che Anflü­ge von Zwei­fel oder Befan­gen­heit lau­fen sie auf der men­schen­lee­ren Stra­ße umher, ihre Geweh­re in der Luft fuch­telnd schie­ßen sie völ­lig blind­wü­tig um sich. Ein Poli­zist liegt zusam­men­ge­krümmt auf dem Asphalt. In dem Moment nimmt er wahr­schein­lich einen sei­ner letz­ten Atem­zü­ge, viel­leicht sieht er vor sei­nen trä­gen Augen auf ver­bli­che­ner Dun­kel­heit die Gesich­ter sei­ner Fami­lie, sei­ner Freun­de. Einer der zwei Täter rennt an ihm vor­bei, um ihm dann noch­mal mit­ten in die Brust zu schie­ßen. Ich wet­te er hat nicht mit der Wim­per gezuckt. Oder mit dem Her­zen.
Als ich die­se Bil­der ungläu­big auf mei­nem Moni­tor flim­mern sah, war mein Kopf wie leer­ge­fegt, um im nächs­ten Moment unzäh­li­gen Gedan­ken Raum zum Rum­schwir­ren zu geben. Ich spiel­te es zwei­mal ab und an der Stel­le des Schus­ses auf den am Boden lie­gen­den Mann, stieg eine gräss­li­che Gän­se­haut in mir auf. Ich fing sofort an zu tip­pen, zu recher­chie­ren. Wir­re Fra­gen in den Fin­gern, die von Ant­wor­ten gelöst wur­den, von denen ich gewünscht hät­te, sie nicht zu lesen. Nicht erneut. Zei­len wie ‘Radi­ka­le Isla­mis­ten’ und ‘Rache an den Mohammad‐Karikaturen’ ver­fängt sich in mei­nem Blick und ich, ja ich möch­te nur mei­ne Augen schlie­ßen, mei­ne Ohren zupres­sen und den Kopf schüt­teln. Nicht schon wie­der. Nicht schon wie­der unschul­di­ge Men­schen, nicht schon wie­der Tote im Namen mei­ner Reli­gi­on. Der Glau­be, an dem ich mich seit mei­ner Kind­heit fest­hielt, ihn fast schon umarm­te und mit unsicht­ba­rer Krei­de als unver­wisch­ba­ren Strich auf mei­nen Lebens­weg zog, wur­de erneut ange­grif­fen. Die Schüs­se und eiser­nen Patro­nen durch­lö­cher­ten die Kör­per nichts­ah­nen­der Men­schen, um dann in den Mäu­ern des Islam‐Gerüstes ste­cken zu blei­ben.
Sie rie­fen ‘Alla­hu Akbar’, also ‘Gott ist groß’ und nah­men im glei­chen Atem­zug Leben, die Er erschuf. Ich fra­ge mich, mit wel­chem Recht? Nein, ihr spricht den Namen Got­tes aus, wäh­rend ihr das tut, was Er ver­ab­scheut. Ich hät­te die­se Wor­te, die­se Aus­ru­fe gern aus ihren Mün­dern genom­men, sie für Men­schen ver­bo­ten, die sie so dreist miss­brau­chen. Und alles was sie mit die­ser unein­ge­schränk­ten Kalt­blü­tig­keit ver­tei­digt haben, waren die Vor­ur­tei­le und das düs­te­re Bild des Islam in den Köp­fen eines Bün­dels von Men­schen, die unge­hemmt geschürt wur­den. Ein Mus­lim glaubt an Gerech­tig­keit, an die Hei­lig­keit der Fair­ness. Ein Mus­lim ist sich bewusst, dass das Töten eine der größt­mög­li­chen Sün­den ist. Dass der Pro­phet Moham­mad in sei­ner Zeit als Pro­phet ver­folgt wur­de, gede­mü­tigt und belei­digt, und trotz alle­dem immer­zu von der Güte Got­tes, von sei­ner unend­li­chen Geduld sprach. Dass eine Frau ein­mal Müll vor Sei­ner Tür ableg­te, um ihn zu schmä­hen und unser Pro­phet dies ohne eine Reak­ti­on still besei­tig­te. Und dies zog sich tage­lang so hin, bis Er ein­mal beim Her­aus­tre­ten kei­nen Müll vor­fand. Er wuss­te, dass der Müll von Sei­ner Nach­ba­rin kam, und so wur­de er besorgt und besuch­te sie. Die Nach­ba­rin war tat­säch­lich krank und unser Pro­phet brach­te ihr ein Glas Was­ser, statt sie anzu­kei­fen. Und nun? Nun tötet man also, wenn Nega­ti­ves gegen die Reli­gi­on aus­ge­spro­chen wird. Man erwi­dert Wor­te mit Schüs­sen und nennt sich dann einen Mus­lim, einen Gläu­bi­gen. Wor­an ihr glaubt weiß ich nicht, aber ich weiß wir leben nicht die­sel­be Reli­gi­on. Nicht an die glei­chen Tugen­den, die die­se Tat bru­tal zer­schlug. Und die Trüm­mer, wer hebt sie nun auf? Die fran­zö­si­sche Regie­rung, die Behör­den — die Mus­li­me? Wer wird die Split­ter die­ser Bar­ba­rei weg­schaf­fen kön­nen, ohne sich ins eige­ne Fleisch zu schnei­den?
Das Ein­zi­ge was ich weiß ist, dass wah­re Mus­li­me sich strikt gegen die­se Tat stel­len und doch müde vom Posi­tio­nie­ren sind. Und ich bin es auch. Das stän­di­ge Aus­spre­chen von ein­heit­li­chen Mei­nun­gen, die Fra­ge­rei über die Gedan­ken zu Vor­fäl­len, die einen selbst genau­so wenig betref­fen wie den Fra­gen­den auch. Und trotz­dem bin ich mir bewusst, dass Mus­li­me in der heu­ti­gen Zeit dazu ver­pflich­tet sind ihre Stim­men gegen sol­che Angrif­fe zu erhe­ben und sie nicht bloß still­schwei­gend ableh­nen dür­fen. Die Kari­ka­tu­ren waren in mei­nen Augen mehr als über­flüs­sig, kei­ne Sati­re, son­dern eine Belei­di­gung — gerich­tet an das, was mir hei­lig ist. Doch auf so etwas soll­te und darf ein­zig und allein eine ver­ba­le Erwi­de­rung fol­gen. Kari­ka­tu­ren for­dern schließ­lich Reak­tio­nen, denen man nach­ge­hen soll­te. In Form von Reden viel­leicht, von Arti­keln und Tex­ten, von öffent­li­chen Bei­trä­gen sons­ti­ger Form. Aber nicht mit Gewalt. Wozu denn auch? Wir wis­sen, dass nichts von den Kari­ka­tu­ren der Wahr­heit ent­spre­chen, ande­re wis­sen es sehr wahr­schein­lich auch, und die­je­ni­gen die ihnen Glau­ben schen­ken, hät­ten auch ohne sie so gedacht und die vor­ur­teil­haf­ten­den Gedan­ken wei­ter­hin gehegt, also wozu der Auf­stand? Diplo­ma­tie ist das Schlüs­sel­wort, Ver­ständ­nis und Dia­log. Gerüs­te, die eine intak­te Gesell­schaft auf­recht­erhal­ten. Denn wenn man kör­per­lich atta­ckiert, was einem nicht passt, was genau unter­schie­de Men­schen dann noch von dem Tier­reich?
Es ist kein Angriff von Mus­li­men auf den ‘Wes­ten’ und war es auch nie. Das Ziel­ob­jekt ist der gemein­sa­me Frie­den, das Gemein­wohl. Gegen Leu­te, die mit solch gewal­ti­ger Hin­ter­list dage­gen vor­ge­hen, sind kei­ne Stim­men ein­zel­ner Grup­pie­run­gen in der Lage ihr Ende her­bei­zu­ru­fen. Wir müs­sen Hand in Hand gegen solch einen rohen Ter­ror ste­hen, eine bun­te Mau­er muss die­se graue Mas­se brem­sen. Denn meh­re­re iso­lier­te Grup­pen las­sen Lücken frei, durch die man ganz leicht hin­durch kann. Denn ein­zel­ne Stim­men erge­ben kein Echo.
Denn man ist immer lau­ter, wenn man viel ist.
Büs­ra

… Die Mus­li­me sind nicht der Islam! Das soll­ten sich die Men­schen klar machen.
Aus mei­ner Sicht wur­de in den letz­ten Jahr­zehn­ten ste­tig ein Feind­bild, näm­lich das des Islam kon­stru­iert und in die­sen Tagen wird dies so deut­lich wie noch nie zuvor. Es scheint als benö­ti­ge die west­li­che Gesell­schaft immer einen “Bösen” oder einen “Sün­den­bock” um sei­ne Exis­tenz und sein Han­deln zu legi­ti­mie­ren. Damit hat sich für mich der fort­schritt­li­che Wes­ten als unfä­hig bewie­sen, sei­ne eige­nen hoch gehal­te­nen Wer­te zu befol­gen und aus der Geschich­te zu ler­nen.
Ich bin 27 Jah­re alt, in Deutsch­land gebo­ren und auf­ge­wach­sen. Doch ich höre immer noch Sät­ze wie “woher kom­men Sie denn EIGENTLICH her? “Ihr deutsch ist aber sehr gut”. Im Jahr 2015 soll­ten sol­che Sät­ze nicht mehr die Regel dar­stel­len, denn es zeigt ganz deut­lich, dass die Men­schen nicht bereit oder fähig sind, deut­sche Bür­ger, die aber (nach ihrem Bild) nicht “deutsch” aus­se­hen zu akzep­tie­ren. Es wird immer noch über Inte­gra­ti­on gespro­chen, dabei stell­te sich für mich aller­dings her­aus, dass es über­haupt nicht um die Inte­gra­ti­on geht, son­dern das Pro­blem eher dar­in besteht, uns deut­sche Mus­li­me in der Gesell­schaft zu akzep­tie­ren. Nach­dem der ehe­ma­li­ge Bun­des­prä­si­dent Wulf äußer­te, dass der Islam zu Deutsch­land gehört, ent­brann­te eine hit­zi­ge Debat­te dar­über. War­um? Die Ant­wort ist die man­geln­de Bereit­schaft und Akzep­tanz der Bür­ger.
Die Ursa­chen für den Ter­ror­an­schlag in Paris soll­ten in genau die­sem gesell­schaft­li­chen Pro­blem gesucht wer­den und nicht im Islam oder den Mus­li­men. Der Islam wur­de hier nur instru­men­ta­li­siert.”
Madi­na, 27 Jah­re

… Ich möch­te nicht dar­über spre­chen, was für einen immensen Scha­den die­se Grup­pe der mus­li­mi­schen Gemein­schaft in Euro­pa zuge­fügt hat. Ich will auch nicht dar­stel­len, war­um die­ser Akt nicht nur aus mensch­li­cher, son­dern gera­de aus isla­mi­scher Sicht zutiefst falsch war und wel­che Struk­tu­ren es sind, die aus Men­schen Ter­ro­ris­ten machen. Noch nicht. Ich möch­te jetzt, als Mensch, mein Bei­leid aus­spre­chen. Die Täter haben sich an der gesam­ten Mensch­heit ver­sün­digt, an der Mensch­lich­keit in ihrem ursprüng­lichs­ten Sin­ne.
Mein tiefs­tes Mit­ge­fühl gilt den Fami­li­en und Ange­hö­ri­gen der Ermor­de­ten und jedem Ein­zel­nen, der sich die­ser Tage in Trau­er hüllt.
Nemi

Ich fin­de es bei solch einer Tat äußerst wich­tig, die emo­tio­na­le Ebe­ne zu ver­las­sen und ana­ly­tisch das Gesche­hen aus meh­re­ren Per­spek­ti­ven zu betrach­ten. Kei­ne Fra­ge, die Tat war grau­sam. Das ist selbst­ver­ständ­lich. Aber war­um wird dann der­art pene­trant die Ver­kün­di­gung unse­res Mit­ge­fühls für die Opfer gefor­dert? Gleicht das nicht eher einer poli­ti­schen Posi­tio­nie­rung, dadurch dass die­ser Angriff als Mili­tär­schlag gegen ein gan­zes Land, nein einen gan­zen Kon­ti­nent gedeu­tet wird?
Ich fin­de die Ent­wick­lun­gen beängs­ti­gend, aber bemü­he mich selbst die­sen Emo­tio­nen ratio­nal zu begeg­nen. Berei­chernd fin­de ich Bei­trä­ge, die sich gekonnt auf der Meta­ebe­ne mit die­sen Gescheh­nis­sen aus­ein­an­der­set­zen …
Ebti­sam

Es ist wirk­lich trau­rig aus die­sem Anlass zu schrei­ben. Ich den­ke das, was pas­siert ist, lässt nie­man­den, beson­ders kei­nen Mus­lim unbe­rührt. Seit vier Tagen pras­selt unglaub­lich viel auf die­je­ni­gen ein, die ver­su­chen, sich mit die­ser The­ma­tik aus­ein­an­der zu set­zen.
Twit­ter, Face­book, Print­me­di­en und Fern­se­hen, ich weiß nicht mehr, wohin ich gucken soll, was ich den­ken oder füh­len soll, wie ich mit den Gescheh­nis­sen umge­hen soll. Ich habe das Gefühl, die “deut­sche“ Gesell­schaft erwar­tet von den hie­si­gen Mus­li­men, sich von den Gescheh­nis­sen zu distan­zie­ren. Und das zu Unrecht? Was wür­de ich erwar­ten, wenn ich kein Mus­lim wäre, und mei­ne ein­zi­ge Infor­ma­ti­ons­quel­le “die Main­stream­me­di­en“ sind. Wäre Angst nicht eine berech­tig­te Emo­ti­on? Wür­de ich nicht eben­falls hof­fen, dass deut­sche Mus­li­me die­se Tat genau­so abscheu­lich fin­den? Nun bin ich selbst Mus­lim und die Fra­gen von Distanz muss ich mir nicht stel­len. Ich fra­ge mich, was es bedeu­tet, sich von men­schen­ver­ach­ten­den Taten wie die­sen distan­zie­ren zu müs­sen.
Bedeu­tet es nicht, dass vor­her zwi­schen mir und dem Ter­ror von Paris eine Ver­bin­dung her­ge­stellt wird? Muss ich die­se Ver­bin­dung als eine Anschul­di­gung deu­ten?
Ich möch­te die­se Fra­gen nicht beant­wor­ten, noch weni­ger möch­te ich mich dazu äußern aus wel­chen gesell­schaft­li­chen Krei­sen die Täter kamen und was sie zu ihren Taten beweg­te. Reli­gi­on? Ich möch­te auch nicht über die Kari­ka­tu­ren spre­chen die für eine Viel­zahl von Mus­li­men tief­be­lei­di­gend sind und an Blas­phe­mie gren­zen.
Ich fra­ge mich auch, wel­che Aus­wir­kun­gen die Gescheh­nis­se auf ras­sis­ti­sche und rechts­po­pu­lis­ti­sche Bewe­gun­gen wie Pegi­da haben wer­den. Soll­te ich auf mei­ne besorg­te Mut­ter hören und mei­nen unge­pfleg­ten Stu­den­ten­bart rasie­ren? Wer­de ich in Zukunft häu­fi­ger kri­tisch ange­schaut?
… Mir bleibt damit nichts ande­res übrig als die Trau­er und tie­fe Bestürzt­heit über die Gescheh­nis­se, die jeder Mensch egal wel­cher Reli­gi­on oder Nati­on emp­fin­det, zu tei­len. Mein Mit­ge­fühl gilt den Ver­stor­be­nen und ihren Ange­hö­ri­gen. Mögen ihre Her­zen Trost in solch einer trost­lo­sen Zeit fin­den.”
Ali

… Es ist ein zutiefst erschüt­tern­des Ereig­nis, das sich in Paris ereig­net hat. Wie ein Déjà‐vu, die abge­mil­der­te west­eu­ro­päi­sche Form von 9/11. Und als Mus­lim steht man da und kann kaum glau­ben, was wie­der im Namen der Reli­gi­on gesche­hen ist. Men­schen wer­den ein­fach mit­ten auf der Arbeit erschos­sen, die Tat wahr­schein­lich geseg­net von irgend­ei­nem Pseudo‐Gelehrten mit sei­nem Pseudo‐Islamverständnis und sei­ner Pseudo‐Islaminterpretation. Der Koran selbst hat davor gewarnt, dass es die­se Men­schen geben wird, die sich die Reli­gi­on und Ver­se so zusam­men­bas­teln, wie es ihnen passt, wil­lent­lich oder aus Igno­ranz her­aus. So heißt es in der Sure al Imran, Vers sie­ben:
“Er ist es, der das Buch auf dich her­ab­ge­sandt hat. In ihm gibt es ein­deu­tig fest­ge­leg­te Zei­chen – sie sind die Urnorm des Buches – und ande­re, mehr­deu­ti­ge. Die­je­ni­gen, in deren Her­zen Abwei­chen von der Wahr­heit steckt, fol­gen dem, was in ihm mehr­deu­tig ist, im Trach­ten danach, (die Men­schen) zu ver­füh­ren, und im Trach­ten danach, es (eige­ner) Deu­tung zu unter­zie­hen. Um sei­ne Deu­tung aber weiß nie­mand außer Gott. Und die­je­ni­gen, die im Wis­sen fest gegrün­det sind, sagen: «Wir glau­ben; das eine und das ande­re ist von unse­rem Herrn.» Jedoch beden­ken (es) nur die Ein­sich­ti­gen.”
Es wird Weni­ge inter­es­sie­ren, dass hier eine star­ke Dif­fe­ren­zie­rung voll­zo­gen wer­den muss zwi­schen dem Islam in sei­ner authen­ti­schen Deu­tung und dem Islam in sei­ner Pseudo‐Deutung. Alles, was zurück­bleibt, ist die Angst, dass es eine Haupt­stadt West­eu­ro­pas getrof­fen hat und damit jede wei­te­re west­li­che Stadt poten­ti­ell gefähr­det ist. Die Tat wird als ein Angriff auf die westlich‐freiheitlichen Wer­te ver­stan­den und der Islam und sei­ne Wer­te als diam­te­ral dazu gese­hen: Kei­ne Frei­heit, kei­ne Ach­tung von Wür­de und Mensch­lich­keit. Der Islam als eine tota­li­tä­re Ord­nung, wie es das Mani­fest der 12 schon gese­hen hat. Nichts ist es, als ein Bestä­ti­gungs­ge­fühl der Leu­te, die Vor­ur­tei­le und Ängs­te gegen­über dem Islam heg­ten, der­je­ni­gen, die den gan­zen Tag Het­ze betrei­ben, und ich möch­te nicht wis­sen, wie viel Zustrom die Pegida‐Demonstranten noch erhal­ten wer­den oder wie schwer es für die Mus­li­me in Frank­reich nun wird. Für die Auf­rich­ti­gen, die tag­täg­lich ver­su­chen über den Islam auf­zu­klä­ren und sowie­so kaum Gehör fin­den, konn­te kaum Fata­le­res gesche­hen. Eine Tat weni­ger Irren reicht aus, um ihre wert­vol­le Arbeit zu ver­un­glimp­fen und eine gan­ze Reli­gi­ons­ge­mein­schaft gleich mit. Wer möch­te denn ger­ne eine Reli­gi­on in sei­ner Mit­te haben, die asso­zi­iert wird mit Ter­ror und Unter­drü­ckung?
Und doch, es bleibt uns Mus­li­me nichts übrig, als wei­ter zu ver­su­chen auf­zu­klä­ren (vor allem auch in unse­ren eige­nen Rei­hen!), Stel­lung zu bezie­hen und den Dia­log zu suchen. Und es bleibt eben­so in der Ver­ant­wor­tung eines jeden auf­rich­ti­gen Men­schen, sich nicht von Emo­tio­nen lei­ten zu las­sen und mög­li­che Vor­ur­tei­le und Ängs­te zu kon­fron­tie­ren.
Ich wün­sche mir nur und erhof­fe, dass die­ses men­schen­ver­ach­ten­de Ereig­nis auf einer mög­lichst ratio­na­len Ebe­ne medi­al auf­ge­grif­fen wird, dass ver­sucht wird, es nicht emo­tio­nal aus­zu­schlach­ten auf Kos­ten einer not­wen­di­gen Dif­fe­ren­zie­rung und der Wahr­heit. Aber wie ich unse­re Medi­en ken­ne, besteht weni­ger Hoff­nung dar­auf. Und wie ich die Men­schen ken­ne, haben sie oft­mals ein­fa­che Bil­der lie­ber.
Und kaum ertra­ge ich die­se unglaub­li­che Heu­che­lei auf west­li­cher und isla­mi­scher Sei­te. Wenn David Came­ron sagt, “We must never give up the values of free speech, the rule of law & demo­cra­cy”, dann erin­ne­re ich ihn da nur all­zu ger­ne dar­an, wie in sei­nem Land erst kürz­lich mit der Pres­se­frei­heit umge­gan­gen wur­de. Und wenn 120 mus­li­mi­sche Gelehr­te sich in einem offe­nen Brief gegen ISIS aus­spre­chen, dann ist das lobens­wert. Aber viel­leicht hör­te auch mal der ein oder ande­re auf, hin­ten rum ande­re unis­la­mi­sche und unter­drü­cke­ri­sche Regime zu unter­stüt­zen.
Das alles ruft in mir einen Gedan­ken auf. In einer Über­lie­fe­rung heißt es, dass es eines Tages so schwer sein wird an sei­nen Glau­ben fest­zu­hal­ten, wie das Hal­ten bren­nen­der Koh­le in der Hand. Und fast ahne ich, dass die­se Zeit nicht lan­ge hin zu sein scheint.
Sou­her

Ich wür­de mich dar­über freu­en, wenn man den Anschlag im Jemen mit 38 Toten auch nennt und betont, dass die­ser Anschlag genau­so tra­gisch ist, da nicht nur euro­päi­sche Leben wert­voll sind.”
Kau­sar