Mit wem woll­test Du schon immer mal dis­ku­tie­ren? Die­se Fra­ge hat JUMA den Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mern gestellt und die haben geant­wor­tet. Unter den Gesprächs­part­nern waren dann Ent­schei­dungs­trä­ger aus Medi­en, Poli­tik, Kunst und Kul­tur.

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JUMA MEETS ...

Am 10. Mai 2012 traf JUMA den Prä­si­den­ten des Deut­schen Bun­des­tags, Dr. Nor­bert Lam­mert, im Isla­mi­schen Kul­tur­zen­trum der Bos­nia­ken in Berlin‐Kreuzberg. In dem Gespräch ging es vor allem um die insti­tu­tio­nel­le Aner­ken­nung von Mus­li­men, die gesell­schaft­li­che Akzep­tanz und die Dis­kri­mi­nie­rung von Mus­li­men. Wir frag­ten Herrn Lam­mert, wel­chen Bei­trag die Poli­tik leis­ten müss­te, um Dis­kri­mie­rung abzu­bau­en und Aner­ken­nung zu för­dern. Schließ­lich wur­de ver­ein­bart, die zahl­rei­chen und sehr spe­zi­fi­schen Fra­gen der Teilnehmer/innen in einem wei­te­ren Gespräch zu ver­tie­fen. Außer­dem haben wir Herrn Lam­mert herz­lich ein­ge­la­den, an unse­rem geplan­ten inter­re­li­giö­sen Poetry‐Slam teil­zu­neh­men. Er denkt dar­über nach.

Hier ein Bericht der Teil­neh­me­rin Faten el‐Dabbas über das Tref­fen:

Am 10. Mai 2012 folg­te Bun­des­tags­prä­si­dent Dr. Nor­bert Lam­mert unse­rer Ein­la­dung auf ein Tref­fen im Isla­mi­schen Kul­tur­zen­trum der Bos­nia­ken in Kreuz­berg.  „Die Fra­ge, ob der Islam zu Deutsch­land gehört, kann nur von Ihnen beant­wor­tet wer­den“, so Herr Lam­mert.

End­lich. Wir atmen auf. Nach mehr als einer Stun­de Ver­spä­tung betritt der wich­tigs­te Mann des deut­schen Par­la­ments, zur Abwechs­lung nicht sei­nen Arbeits­platz, son­dern einen gänz­lich ande­ren Raum für einen poli­ti­schen Dis­kurs: Der Anlass? Ein Gespräch mit JUMA!

Zur Ver­wun­de­rung des Bun­des­prä­si­den­ten beginnt das Gespräch gleich mit dem Kern: Der recht­li­chen Aner­ken­nung des Islam als Reli­gi­ons­ge­mein­schaft. Lam­mert sieht gene­rell kei­ne verfassungs‐rechtlichen Hür­den. Wer aber ver­tritt insti­tu­tio­nell den Islam als Reli­gi­on? Erneut hören wir den gän­gi­gen Ein­wurf nach man­geln­der Reprä­sen­tanz und feh­len­den Ansprech­part­nern.

Aber genau die­se insti­tu­tio­nel­le Ver­an­ke­rung von Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten hält Lam­mert für eben­so wich­tig wie wir, da sich aus sei­ner Sicht eine Gesell­schaft vor allem auch durch „Kul­tur, Über­zeu­gun­gen und Reli­gi­on“ defi­niert. Der Fra­ge nach einer Anpas­sung des Staats­kir­chen­rechts von 1919 an ein moder­nes Reli­gi­ons­ver­fas­sungs­recht, begeg­net der Bun­des­tags­prä­si­dent ledig­lich mit dem Hin­weis, dass jedes Gesetz mit Aus­nah­me der Ver­fas­sung änder­bar sei – vor­aus­ge­setzt, dass es  die not­wen­di­gen Mehr­hei­ten erhält.

Aber schau­en wir uns die gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen an, so erle­ben wir einen isla­mo­pho­ben Trend. Wer dafür ver­ant­wort­lich ist wol­len wir wis­sen: „Objek­tiv hat der Staat in sei­ner Funk­ti­on ver­sagt. Aber wer hät­te die­se NSU‐Mordfälle erwar­tet?“. Das The­ma sei hoch­po­li­tisch, den­noch sei die Poli­tik „nicht all­zu­stän­dig“, erklärt Lam­mert.

Und wie steht der Bun­des­prä­si­dent zur berühm­ten Debat­te, ob der Islam zu Deutsch­land gehört? Im Gegen­satz zu unse­rem Ex‐Bundespräsidenten Wulff, rich­tet der Bun­des­tags­prä­si­dent die Fra­ge an uns: „Die­se Fra­ge kön­nen nur Sie beant­wor­ten.“ Damit tritt Lam­mert nicht in die Fuß­stap­fen unse­res ehe­ma­li­gen Staats­ober­haupts, son­dern macht es sich mit der Aus­sa­ge leicht. Ein­deu­ti­ge­re Posi­tio­nie­run­gen hät­ten wir uns auch an ande­ren Stel­len mehr gewünscht. Wenn er sagt: „Der Islam in der heu­ti­gen Zeit gehört – wenn auch nicht in glei­cher­wei­se wie das Chris­ten­tum oder das Juden­tum – aber in ähn­li­cher­wei­se zur deut­schen Gesell­schaft“, fra­gen wir uns, ob wir Licht am Ende des Tun­nels sehen sol­len oder wei­ter­hin Dun­kel­heit.

Eins wäre wün­schens­wert. Ein erneu­tes Gespräch, bei dem eini­ge Punk­te ver­tieft wer­den. Viel­leicht das nächs­te Mal im Bun­des­tag.”

Medi­en­echo: Und hier ein Arti­kel in der Ber­li­ner Mor­gen­post über das Tref­fen.

Ins Gäs­te­buch der Bos­ni­schen Moschee schrieb Nor­bert Lam­mert:

Ende Okto­ber 2011  traf JUMA Ibra­him Kalin,  einen der wich­tigs­ten Bera­ter des tür­ki­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Erdo­gan. Anbei eini­ge Kom­men­ta­re der Teil­neh­mer:

… vie­len Dank für das Tref­fen auch von mei­ner Sei­te. Es war berei­chernd und inter­es­sant, ich habe nun sicher­lich eini­ge bes­se­re Vor­stel­lun­gen und Posi­ti­on zu The­men, die vor allem die tür­ki­sche Innen‐ oder Außen­po­li­tik betref­fen… wirk­lich eine unglaub­li­che Gele­gen­heit, solch einen ein­fluss­rei­chen, grund­sym­pa­thi­schen und gläu­bi­gen Mus­lim zu tref­fen! Und auch sehr nett von ihm, sich so viel Zeit für uns zu neh­men.”

…zunächst ein­mal möch­te ich mich für die Orga­ni­sa­ti­on bedan­ken. Ich habe das Tref­fen wirk­lich genos­sen und als sehr gelun­gen emp­fun­den, zumal Ibra­him Kalin eine bewun­derns­wer­te und inspi­rie­ren­de Per­sön­lich­keit ist, von des­sen Wis­sen man sich nicht zu genü­ge berei­chern kann.”

Ich fand ihn per­sön­lich sehr gut. Er ist ein Mann der wei­sen Wor­te und man merkt, wie­so er mit 40 Jah­ren eine so hohe Posi­ti­on beklei­det.”

Das Tref­fen mit Herrn Kalin war sehr gut. Ich war sehr zufrie­den. Er war ein sehr net­te und locke­rer Typ und hat Spaß gemacht, ihm zu zuhö­ren. Die Fra­gen, die wir gestellt haben, waren prä­zi­se beant­wor­tet wor­den, aber auf einer Art und Wei­se, dass man alles gut ver­stan­den hat und nicht irgend ein ‘Müll’ gela­bert, was wir nicht gefragt haben.”

…abge­se­hen davon, dass Ibra­him Kalin eine sehr offe­ne, net­te und wei­ter­brin­gen­de Art hat­te, fand ich auch die Grup­pe ganz ange­nehm.”

…lobens­wert waren (…) die einen oder ande­ren reso­lu­ten Ant­wor­ten, die er von sich gege­ben hat. es war unmög­lich, nicht zu ber­me­ken, dass die­ser Mann weiß, wovon er spricht. ”

 

Am 29. Sep­tem­ber 2011 haben wir den Schrift­stel­ler Navid Ker­ma­ni getrof­fen. Mit ihm dis­ku­tier­ten wir über das The­ma: Glau­ben, Wer­te, Macht — war­um enga­gie­ren sich jun­ge Mus­li­me für die Gesell­schaft? Ver­die­nen bestimm­te Moti­ve beson­de­ren Respekt? Gibt es Grün­de, die nicht unter­stützt wer­den soll­ten.

Der deutsch‐iranische Autor Navid Ker­ma­ni gehört zu den bedeu­tends­ten Inte­lek­tu­el­len der Gegen­wart. Er schreibt auch für ver­schie­de­ne Zei­tun­gen, gewann meh­re­re Prei­se (z.B. Hes­si­scher Kul­tur­preis) und war Mit­glied der ers­ten Islam­kon­fe­renz des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters.

Bericht einer Teil­neh­me­rin:
Am 30.09.2011 war  JUMA  bei einer Dis­kus­si­ons­run­de mit dem deutsch‐iranischen Autor Navid Ker­ma­ni im Haus der Kul­tu­ren der Welt.

Herr Ker­ma­ni stu­dier­te Ori­en­ta­lis­tik, Phi­lo­so­phie und Thea­ter­wis­sen­schaf­ten u.a.  ein Jahr lang in Kai­ro.  Er schrieb ver­schie­de­ne  lite­ra­ri­sche Wer­ke und er war Teil­neh­mer  der ers­ten Islam­kon­fe­renz. Neben Roma­nen und Rei­se­be­rich­ten schrieb Ker­ma­ni „Gott ist schön“ und „Wer ist Wir?“.

The­men die­ser ein­stün­di­gen Dis­kus­si­on waren:  Wer­te, Glau­be, Macht – was moti­viert Euch zur gesell­schaft­li­chen Par­ti­zi­pa­ti­on? Ver­die­nen bestimm­te Moti­ve mehr Respekt? Gibt es viel­leicht sogar ver­werf­li­che Grün­de für Enga­ge­ment? Doch am Anfang stell­ten wir JUMA vor. Herr Ker­ma­ni ist mit der heu­ti­gen Situa­ti­on zufrie­den, wenn es dar­um geht, dass Bür­ger mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund oder Bür­ger aus unter­schied­li­chen Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten  sich ehren­amt­lich enga­gie­ren kön­nen.

Doch die Fra­ge ist, war­um tut man das? Um in der Gesell­schaft bes­ser erkannt zu wer­den? Oder Macht zu bekom­men? Jila­li eine Juma­mit­gleid ant­wor­te­te in die­ser Dis­kus­si­on:  „Ich habe Spaß dar­an, mit Men­schen in Kon­takt zu kom­men. Ich erwar­te von den Men­schen kein Geschenk. Ein Dan­ke­schön macht mich schon sehr glück­lich.”               Nach Navid Ker­ma­ni ist einer der höchs­ten Moti­ve, Gutes zu tun, die Nächs­ten­lie­be: „Ich habe größ­ten Respekt vor dem­je­nin­gen, der Sachen aus Nächs­ten­lie­be tut.“

Wenn wir uns in der Gesell­schaft  ein­set­zen und unse­ren Mit­men­schen hel­fen,  so zei­gen wir eine star­ke Sei­te unse­res Cha­rak­ters,. Die­se Auf­ga­be ist nicht mal schwer.Wir könn­ten älte­ren Leu­ten auf der Stra­ße hel­fen oder in der U‐Bahn mal einer Frau mit einem Kin­der­wa­gen die Trep­pe run­ter­hel­fen.  „Es ist die Loya­li­tät gegen­über der Rel­gi­on“, sagt Herr Ker­ma­ni.  Eine gewis­se Auf­ga­be, die man im All­tag ganz ein­fach aus­üben kann. Wir sind nicht nur Mus­li­me, wir sind viel­fäl­tig. Einer von uns ist Fuss­ball­spie­ler der ande­re Poet oder die ande­re Poli­ti­ke­rin.

Wir jun­ge Mus­li­me tun das auch, um unse­re Rech­te zu erkämp­fen und das nicht mit Waf­fen, son­dern durch die  Erobe­rung der Her­zen mit Lie­be. Der Islam spricht von Lie­be und die­se Lie­be soll­ten wir zei­gen. Manch einer von uns muss sich manch­mal ver­tei­di­gen, weil er auf­grund sei­nes Aus­se­hens in Ver­bin­dung gebracht wird mit ter­ro­ris­ti­schen Grup­pen. So ist es ein Pro­blem, sei­ne Rel­gi­on öffent­lich zu prak­ti­zie­ren, weil man sich schämt oder weil man nicht erkannt wer­den will und somit nicht in Kon­fron­ta­tio­nen kom­men möch­te. Aber seit wann ist es denn so? Wie­so fürch­ten sich die Men­schen so sehr vor ande­ren? Von Frem­den?

Jeder Mus­lim soll­te offen sein gegen­über Fra­gen. Er soll­te auch mal einen Men­schen direkt anspre­chen, wenn er komi­sche Bli­cke wahr­nimmt. Ver­ständ­nis ist von unse­rer Sei­te immer da. Mit Dia­lo­gen kommt jeder Mensch wei­ter. Die Men­schen soll­ten sich unter­ein­an­der auch leh­ren. Viel­leicht bil­den sich eini­ge Mus­li­me das auch nur ein, dass sie von der Gesell­schaft nicht auf­ge­nom­men wer­den. Auch wenn das so wäre. Jeder ein­zel­ne von uns, egal ob aus­ge­sto­ßen oder nicht, hat die Mög­lich­keit, sich trotz­dem in der Gesell­schaft zu bewe­gen. Ich den­ke, sobald jeder mit Lie­be vor­an­geht und den Men­schen zeigt, dass er über­haupt nicht so ist, wie man­che Medi­en das in den letz­ten zehn  Jah­ren gezeigt haben, kann er schon Her­zen bewe­gen und die Men­schen zum Nach­den­ken brin­gen.

Aber eins dürft ihr auch nicht ver­ges­sen: Guckt Euch Eure Feh­ler an. Erkennt Eure Iden­ti­tät, seid kri­tisch Euch selbst gegen­über, denn so sehen die Men­schen, dass Ihr auch nach Ver­bes­se­run­gen sucht.

Wir hat­ten ges­tern die gro­ße Freu­de den Künst­ler Mir­za Oda­ba­si ken­nen­ler­nen und uns mit ihm über Iden­ti­tät, Emo­tio­nen, Zwischen‐den‐Stühlen‐sitzen, sei­ne Austel­lun­gen und Pro­jek­te, Hip‐Hop u.v.m. reden zu dür­fen. Einen jun­gen und krea­ti­ven Men­schen mit so viel Poten­zi­al zu tref­fen, war sehr erfri­schend. Sicher war das nicht unser letz­tes Tref­fen mit ihm und ihr dürft euch schon auf mehr freu­en. Vie­len Dank noch ein­mal an Mir­za, dass er sich die Zeit für uns genom­men hat!

Am 13.01.2012 tra­fen sich die JUMA‐Teilnehmer zu einem Gespräch mit dem Schrift­stel­ler und Jour­na­lis­ten Hamed Abdel Samad, der vor allem für sei­ne islam­kri­ti­schen Posi­tio­nen bekannt ist. In der Dis­kus­si­on  gelang es trotz aller Kon­tro­ver­sen, die Posi­tio­nen des Ande­ren anzu­er­ken­nen und auch immer wie­der Gemein­sam­kei­ten zu ent­de­cken. Hamed Abdel‐Samad zeig­te sich beein­druckt von dem Enga­ge­ment und Dis­kus­si­ons­fä­hig­keit der JUMA Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer und bekräf­tig­te sie aus­drück­lich dar­in, sich wei­ter mit ihren Posi­tio­nen und Über­zeu­gun­gen in die öffent­li­chen Debat­ten um den Islam in Deutsch­land ein­zu­brin­gen. Ein aus­führ­li­che­res Pro­to­koll und wei­te­re Bil­der des Gesprächs fol­gen in Kür­ze. Hier ein Bericht  der Teil­neh­me­rin Küb­ra:

Eine auf­wüh­len­de Diskussion‐ JUMA meets Hamed Abdel‐Samed

An einem Frei­tag­abend tra­fen sich die JUMAs mit Hamed Abdel‐Samed in der Deutsch‐Arabischen Freund­schafts­ge­sell­schaft, um gemein­sam über aktu­el­le Sach­ver­hal­te und jewei­li­ge Stand­punk­te zu dis­ku­tie­ren. Das The­men­spek­trum war an die­sem Abend sehr weit gefasst und bot auch viel Raum für kon­tro­ver­se The­men.  Man tausch­te sich über Iden­ti­täts­fra­gen und über Glau­ben und Spi­ri­tua­li­tät aus. Dabei kamen zwar die Unter­schied­lich­kei­ten zwi­schen den JUMAs und Abdel‐Samed ans Licht, aber auch ähn­li­che Ansich­ten konn­te man aus­fin­dig machen. Vor allem bei der Art und Wei­se wie Reli­gio­nen als Kata­ly­sa­tor für Dia­lo­ge und ein har­mo­ni­sches Zusam­men­le­ben  die­nen könn­ten, konn­ten wir uns nicht wirk­lich eini­gen. Eine Mei­nung ver­tra­ten aber alle: Es muss Raum für Reli­gi­ons­frei­heit geschaf­fen wer­den.
Auch das The­ma der aktu­el­len „Islam­de­bat­te“ warf Kon­tro­ver­sen auf, da man die Wir­kung von islam­kri­ti­schen bis zu islam­feind­li­chen Äuße­run­gen dem rea­len Bild von Mus­li­men gegen­über stell­te. Der Autor und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler beton­te hier­bei beson­ders die Ver­än­de­rung, die durch Kri­tik her­bei­ge­führt wer­den kann und das Recht auf Mei­nungs­frei­heit. Vie­le JUMAs waren aber auch der Mei­nung, dass Autoren und Medi­en eine Ver­ant­wor­tung haben, objek­tiv zu berich­ten und nicht Vor­ur­tei­le zu repro­du­zie­ren oder sie gar zu kon­stru­ie­ren. „Sol­che unre­flek­tier­ten Äuße­run­gen wir­ken sich auf die Mei­nung der Mehr­heits­ge­sell­schaft aus und man muss stets auch die Kon­se­quen­zen beden­ken“, so ein JUMA‐Teilnehmer.  Den­noch beton­te der Autor, dass man nicht eine klas­si­sche Opfer‐Täter Rol­le zwi­schen den Mus­li­men und der Mehr­heits­ge­sell­schaft schaf­fen soll­te und dass gera­de Mus­li­me selbst­be­wusst auf­tre­ten sol­len. Für ihn ist ein Appell nach Bes­se­rung nicht genü­gend, solan­ge man nicht aus der defen­si­ven Hal­tung her­aus­kommt.
Auf genau­so viel Inter­es­se stieß das The­ma der ara­bi­schen Revo­lu­ti­on und der isla­mi­schen Geschich­te, wobei die JUMAs hier die Mög­lich­keit hat­ten sich mit jeman­dem aus­zu­tau­schen, der den ara­bi­schen Früh­ling vor Ort begut­ach­ten konn­te.
Die JUMAs hat­ten an die­sem Abend die Gele­gen­heit mit Hamed Abdel‐Samed über sei­ne Posi­tio­nen zu dis­ku­tie­ren und ihre eige­nen Ansich­ten dar­zu­le­gen. Im Lau­fe des Abends haben sich so vie­le inter­es­san­te Aspek­te ent­wi­ckelt, dass die Teil­neh­mer gar nicht mehr dar­an dach­ten sich zu ver­ab­schie­den. Auch wenn man letz­ten Endes nicht die Lösung aller Fra­gen her­aus­fin­den konn­te, stell­te sich das Gespräch als eines der inter­es­san­tes­ten Tref­fen im Rah­men des JUMA‐Projekts her­aus, was vie­le Teil­neh­mer ger­ne wie­der­ho­len wür­den.

Bericht des JUMA‐Teilnehmers Yunus‐Emre

Am  Diens­tag den 4. Dezem­ber hat­ten wir die Ehre neun Geist­li­che aus West­afri­ka zu tref­fen. Die Ima­me stam­men aus unter­schied­li­chen west­afri­ka­ni­schen Län­dern wie Benin, Bur­ki­na Faso, Gui­nea, Mali und Sene­gal. Ein­ge­la­den waren sie vom Goethe‐Institut und ein Ziel ihrer Rei­se ist gewe­sen sich mit Mus­li­men in Euro­pa auszutauschen.Viele von Ihnen waren zum ers­ten Mal in Deutsch­land.

Nach­dem wir uns auf tra­di­tio­nel­le Art mit gegen­sei­ti­gem Hän­de­küs­sen und Umar­men begrüß­ten, set­zen wir uns an den Tisch, wel­cher gedeckt war mit unter­schied­li­chen ori­en­ta­li­schen Spe­zia­li­tä­ten. Sie zeig­ten sehr star­kes Inter­es­se für das Leben jun­ger Mus­li­me in Ber­lin und ob das Kopf­tuch oder der mus­li­mi­sche Name ein Hür­de im Leben sei­en. Dar­über hin­aus waren sie sehr inter­es­siert in die Bezie­hun­gen zwi­schen unter­schied­li­chen isla­mi­schen Strö­mun­gen in Ber­lin. „Wir haben 140 Sufi‐Orden und Gemein­den in Mali sei es die Qadi­ri­y­ya, die Naqs­hi­ban­di­ya, die Tija­ni­y­ya und vie­le mehr, die sich rege­mä­ßig inner­halb eines isla­mi­schen Rates tref­fen und gemein­sam um die Pro­ble­me des Lan­des küm­mern. Habt ihr denn sowas auch in Deutsch­land?“ Frag­te der Imam der Tija­ni­y­ya Bru­der­schaft Mahmoud Abdou Zou­ber, der Vor­sit­zen­der des isla­mi­schen Rates in Mali ist. Mehr über den inne­r­is­la­mi­schen Dia­log woll­te auch der Imam El Hadj Ada­ma Sad­an­ké Vor­sit­zen­der des Ver­ban­des der isla­mi­schen Ver­ei­ne Bur­ki­na Fasos wis­sen. Nach­dem wir von sowohl posi­ti­ver Zusam­men­ar­beit, aber auch über nega­ti­ve Erfah­run­gen spra­chen, sag­te Imam Yes­sou­fou Issa Bou­ka­ri Tija­ni­y­ya Shaykh und Vor­sit­zen­der der Isla­mi­schen Uni­on Benins: „Auch wenn es vie­le Unter­schie­de zwi­schen den Gemein­den gibt, muss man auf einen gemein­sam­men Nen­ner kom­men für ein freund­li­ches Kli­ma.“

Den­noch gibt es einen gra­vie­ren­den Unter­schied zwi­schen West­afri­ka und Ber­lin, der mir klar wur­de nach­dem der Imam und Abge­ord­ne­te El Hadj Man­sor Sy aus Sene­gal sag­te: „Die Sala­fis­ten haben in unse­ren Län­dern nichts zumel­den, denn wenn jemand eine Fra­ge hat, stellt er sie in einem Sufi‐Orden, wo der klas­si­sche Islam gelehrt wird.“ Er riet uns das Buch „Wah­ha­bi Islam“ von Nata­na J. DeLong‐Bas zu lesen um mehr über ande­re Strö­mun­gen zu ler­nen, die in Euro­pa ver­tre­ten sind.

Beein­dru­ckend war es, dass sie, trotz des wei­ten Abstan­des zur ara­bi­schen Halb­in­sel, der hoch­ara­bi­schen Spra­che mäch­tig waren. „Die Ara­ber kön­nen ihre eige­ne Spra­che nicht mehr!“ Imam El Hadj Man­sor Sy hat meh­re­re Jah­re in Sau­di Ara­bi­en gear­bei­tet und ist Simul­tan­über­set­zer. „Ich war scho­ckiert als ich in Kon­fer­ren­zen saß mit Ara­bern unter­schied­li­cher Staa­ten und die Tune­si­er sich nicht mit den Sau­dis ver­stän­di­gen konn­ten. Ich, als Sene­ga­le­se, war der­je­ni­ge, der vom Fran­zö­si­schen ins Ara­bi­sche für sie über­setzt hat.“ Hier­bei haben die Ima­me mehr­mals betont wie wich­tig die Bil­dung ist. Nicht nur die isla­mi­sche, son­dern auch die aka­de­mi­sche Bil­dung an den Uni­ver­si­tä­ten. Denn vie­le Mus­li­me gehen leicht­fer­tig mit ihrer schu­li­schen Aus­bil­dung um, obwohl der Pro­phet Moham­mad –Möge Gott ihm zufrie­den sein – sag­te: „Das Erler­nen von Wis­sen ist eine Pflicht für jeden von der Wie­ge bis zum Grab.“

Zum Schluss spra­chen wir über den inter­re­li­giö­sen Dia­log in ihren Staa­ten und inwie­fern sie dar­in invol­viert sind. Imam Yes­sou­fou Issa Bou­ka­ri, der ursprüng­lich aus Gha­na stammt, erzähl­te mit Imam El Hadj Man­sor Sy über die Wich­tig­keit der Zusam­men­ar­beit zwi­schen Chris­ten und Mus­li­men in Afri­ka. „In Gha­na waren vor meh­re­ren Jah­ren die meis­ten Ärz­te christ­lich, denn die Mus­li­me leb­ten in länd­li­chen Regio­nen und den­noch wur­den wir behan­delt. Heu­te bil­den die­se christ­li­chen Ärz­te ande­re Mus­li­me zu Ärz­ten aus. Wir haben ihnen viel zu ver­dan­ken.“ Imam EL Hadj Man­sor Sy führ­te fort: „Wir haben in Sene­gal einen Ver­band gerün­det mit allen reli­giö­sen Grup­pen. Obwohl Sene­gal zu  95% mus­li­misch ist und wir nur klei­ne christ­li­che Min­der­hei­ten haben, ist der Prä­si­dent des Ver­ban­des ein Christ. Ein har­mo­ni­sches Mit­ein­an­der ist sehr wich­tig für uns.“

Wir hat­ten wei­te­re inter­es­san­te The­men am Brunching‐Tisch behan­delt, die mich sehr posi­tiv inspi­riert und bewegt haben. – Es war mit Abstand das bes­te JUMA Tref­fen! Ich bedan­ke mich bei den Orga­ni­sa­to­ren des Tref­fens.

Am 25. und 26. Janu­ar 2012 tra­fen sich  JUMA‐Teilnehmer/innen zur einer gemein­sa­men Kunst­ak­ti­on mit Füh­rungs­kräf­ten des OTTO — Kon­zerns. Unter der Lei­tung des Künst­lers Ernst Handl wur­den gemein­sam Kleidungs‐Kunstobjekte geschaf­fen. In genau vier Wochen, am 15.und 16. Febru­ar  2012 wird die­se Akti­on wei­ter­ge­führt.

Hier der Bericht von Teil­neh­me­rin Mer­siha Had­zi­ab­dic:

Anfäng­lich schien mir das eine selt­sa­me Kom­bi­na­ti­on zu wer­den, ein Kunst‐Workshop in Berlin‐Kreuzberg mit jun­gen Füh­rungs­kräf­ten des OTTO‐Konzerns Ham­burg und uns JUMAs. Was für Per­so­nen sind Top­ma­na­ger eines sol­chen Groß­kon­zerns, wel­ches Bild haben sie von jun­gen Mus­li­men und was wol­len wir zusam­men eigent­lich kre­ieren?

Es stell­te sich als eines der inter­es­san­tes­ten Pro­jek­te her­aus, an dem ich bis­her mit­wir­ken durf­te. Zwei Tage lang haben sich nicht nur die alle­samt jun­gen, auf­ge­schlos­se­nen und erfolg­rei­chen Füh­rungs­kräf­te auf eine Rei­se in eine ihnen unbe­kann­te Welt bege­ben, aller­lei Geschen­ke in Döner­bu­den, Mosche­en und tür­ki­schen Män­ner­ca­fes gesam­melt und die von den Medi­en gepräg­ten Kli­schees von Mus­li­men über Bord gewor­fen. Auch wir Teil­neh­mer von JUMA haben Men­schen die Türen in unse­re Mosche­en, Fami­li­en und in unser Leben geöff­net, mit denen wir sonst wohl eher nicht so pri­vat über Gott und die Welt dis­ku­tie­ren wür­den.

Her­aus­ge­kom­men ist nicht nur ein schö­nes Kunst­werk namens „gemein­sam anders“, son­dern auch ein Kultur‐ und Erfah­rungs­aus­tausch, der auf bei­den Sei­ten sicher­lich viel bewirkt hat. Aus den gesam­mel­ten Geschen­ken und unse­ren „typisch mus­li­mi­schen“ Mit­bring­seln haben wir gemein­sam ein Kunst­werk erschaf­fen, das ganz plas­tisch und prak­tisch für das steht, was wir an den bei­den Tagen von­ein­an­der gelernt und mit­ein­an­der erlebt haben.

Es bedarf ein wenig Mut und viel Offen­heit so tief in das Leben des „Frem­den“ ein­zu­tau­chen, aber es lohnt sich spä­ter umso mehr, wenn man sieht, dass man von den Kli­schees wie „unter­drück­tes Kopf­tuch­mäd­chen“ weg zu den vie­len Gemein­sam­kei­ten wie den Prio­ri­tä­ten Fami­lie, Freun­de und Hoff­nung gelangt.”